Beitrag aus DER WESTPREUSSE Nr. 02 – Februar-Ausgabe v. 02.02.2008:

Auf zu neuen Ufern
25 Künstler im Dialog mit der Danziger Tapisserie
Sonderausstellung im Westpreußischen Landesmuseum

 

Danziger-Tapisserie


Die Tapisserie stammt aus dem Besitz des Danziger Bürgermeisters Eggert von Kempen (Bürgermeister von 1618-1636) und entstand im Jahr 1620. Hergestellt aus Wolle und Seide, misst sie 142 Zentimeter in der Höhe und 547 Zentimeter in der Breite.
Der Inhalt des Bildprogramms der Tapisserie bezieht sich auf zwei bedeutende Danziger Patrizierfamilien und deren Aktivitäten für bzw. in Danzig

Ihr Allianzwappen ist in der Mitte der oberen Bordüre gerahmt von einem Lorbeerkranz zu sehen. Es handelt sich um die Familien von Kempen und Bahr. Eggert von Kempen war von 1618 bis 1636 Bürgermeister von danzig und seine erste Gattin, Clara Bahr, war Tochter des Kaufmanns und Handelsvermittlers Simon Bahr. Dieser war ein enger Vertrauter des polnischen Königs Sigismund III. Wasa. Er gewährte Anleihen, vermittelte in Transaktionen und leistete verschiedene Dienste.

Die Eltern der Gattin des Bürgermeisters von Kempen, Simon und Judith Bahr, starben im April 1605 und wurden in St. Marien beigesetzt. Sie hinterließen als Erben u.a. die Töchter Clara, Gattin des Bürgermeisters, und Judith, verheiratet mit Hans Speimann, demErbauer des „Goldenen Hauses“, Langer Markt 41. Um das zu errichtende Epitaph für die Eltern/Schwiegereltern entstand aufgrund konfessioneller Zwistigkeiten zwischen den Familien von Kempen, Bahr und Speimann ein langer Streit, der erst 1620 ein Ende fand. Die Kinder und Schwiegerkinder errichteten schließlich Simon Bahr und seiner Gattin ein prunkvolles, noch heute in der St.-Marien-Kirche erhaltenes Marmorgrabmal, ein Werk, das dem bedeutenden Danziger Stadtbildbauer und Archirekten der Spätrenaissance Abraham van dem Blocke (1572 Königsberg – 1628 Danzig) zugeschrieben wird.

Die Tapisserie ist als Erinnerung an die Beilegung des Streites im Jahre 1620 entstanden, aber auch als Erinnerung an die Familienmitglieder und ihre wichtigen Ämter. Das markant herausgestellte Entstehungsjahr lässt auf diesen konkreten, für den Auftraggeber wichtigen Anlass schließen. Nach dem Tod Claras 1622 verblieb der Wandteppich im Hause des Bürgermeisters von Kempen in der Jopengasse 19. Der Bürgermeister starb kinderlos, seine Witwe, Dorothea Schumann, vermachte den größten Teil ihres Vermögens wohltätigen Stiftungen. Leider ist das Schöppenbuch von 1644, das die genauen Inventarangaben enthielt, verlorengegangen

1934 berichtet Heinrich Göbel in seinem Buch „Wandteppiche“, dass diese Tapisserie von der Kunsthandlung J. Rosenbaum (ansässig in Frankfurt a.M. und Amsterdam) in Ostpreußen erworben wurde. 1998 konnte der Behang dank der Unterstützung des Bundesministeriums des Innern für das Westpreußische Landesmuseum erworben werden.

Die in vier große Bildzonen gegliederte Tapisserie soll vor allem die diplomatischen und kaufmännischen Fähigkeiten des Handelsvermittlers Simon Bahr und auch die seines Schwiegersohns, des Bürgermeisters Eggert von Kempen, im Friedens-, Kriegs-, Vorrats- und Handelsrat vor Augen führen.
So beziehen sich die ersten zwei Zonen links auf die Tätigkeiten des Bürgermeisters und die zwei rechts auf die Aktivitäten des Handelsvermittlers.

Die erste Zone links FRIDENS RAHTT mit den Personifikationen von Pax und Justitia, die sich küssen, sowie von Fides und Caritas umgreift die politisch-administrative und juristische Verantwortung und vermittelt Frieden und Eintracht; die zweite Zone CRIGES RAHTT betrifft die Sicherheit Danzigs gegen äußere Feinde. Sie wird von der mit langer Lanze bewehrten Kriegsgöttin Minerva dominiert. Die dritte Zone VORRAHTS RAHTTzeigt ein reich ausgestattetes Handelskontor und bringt die Verantwortung für die Geldgeschäfte und die Vorratslager zum Ausdruck;und mit der vierten Zone HANDELS RAHTT wird die Bedeutung des Seehandels für die Hansestadt Danzig abermals betont.
Die große kultur- und kunstgeschichtliche Bedeutung dieses Wandteppichs unterstreicht noch zusätzlich die Tatsache, dass weder die berühmten Gerichtsteppiche für die Gerichtslaube im Danziger Artushof, die Abraham Dame und Johann Jacobes aus Aubusson gewebt hatten, noch ein anderes Beispiel der großen Danziger Patrizieraufträge bis heute erhalten blieben.

Dr. Lothar Hyss/WLM


Die Ausstellung „Auf zu neuen Ufern“ ist ein deutsch-niederländisch-polnisches Projekt zwischen der Kulturbrücke-Emsdelta e.V. in Emden, der Kulturreferentin für Westpreußen, Magdalena Oxfort, und dem Westpreußischen Landesmuseum in Münster-Wolbeck. Es verbindet 16 bildende Künstler der Kulturbrücke-Emsdelta aus Deutschland und den Niederlanden mit 9 bildenden Künstlern aus Westpreußen im Dialog mit der Tapisserie aus dem Besitz des Danziger Bürgermeisters Eggert von Kempen. Sie setzen sich künstlerisch mit diesem herausragenden Kunstwerk aus dem Bestand des WLM auseinander.

Ein Wandteppich aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts liefert Inspirationen für neue, moderne Kunstwerke und regt an, seinen Inhalt zu entdecken und zu interpretieren. Die Danziger Tapisserie gehört zu den wertvollsten Exponanten im Westpreußischen Landesmuseum.

Die Kulturbrücke-Emsdelta in Emden hat sich den grenzüberschreitenden Kulturaustausch zwischen Deutschland und den Niederlanden zur Aufgabe gemacht. Sie will mit der Ausstellung „Auf zu neuen Ufern“ auf die Ostsee als Brücke zwischen den Kulturen hinweisen. Sie sei „ein Raum des freien Austausches von Gütern, Ideen und Kultur“ gewesen, so Johannes Riepma und Rolf Hillen vom Vorstand des Vereins in ihrem Beitrag zum Ausstellungskatalog. „Über die Seen spann sich ein Netzwerk, das verwandte See- und Binnenhäfen zu einem Ganzen verband. Über Wasser verbanden sich gleichsam die Anrainerstaaten zu einem urbanen kulturellen Raum.Weil der Seeweg im 17. Jahrhundert so viel leichter zu befahren war als die oft miserablen Straßen, lagen sich die Hafenstädte Danzig Delfzijl, Emden, Leer und auch die Binnenhäfen nicht nur logistisch, sondern auch kulturell näher als beispielsweise Paris und Berlin.“

Das Westpreußische Landesmuseum in Münster-Wolbeck, das den grenzüberschreitenden Kulturaustausch zwischen Deutschland und Polen unterstützt, freut sich über die besondere Auszeichnung, die es durch das Projekt erfährt, so Lothar Hyss in seinem Beitrag zumAusstellungskatalog.

Finanziell unterstützt wurde das Projekt durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Bernd Neumann (aus Elbing gebürtig). Die Schirmherrschaft über die Ausstellung hat der Niedersächsische Minister für Wissenschaft und Kultur, Lutz Stratmann, übernommen.

(DW)