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Aus der polnischen Presse war zu entnehmen, daß in einer Schule in Zarnowitz, Gemeinde Krockow im nördlichen Westpreußen, zufällig bei Renovierungsarbeiten die alte Inschrift “Gemeindeschule Anno 1909” wiederentdeckt wurde. Wie die Zeitung berichtet, hat der polnische Gemeinderat der Gemeinde Krockow einstimmig beschlossen, die Inschrift zu überdecken, da sie als “Andenken an die preußische Germanisierung” zu betrachten sei.
Erfreulich hebt sich hiervon die Reaktion der Schuldirektorin ab, welche an die historische Wahrheit appelliert und entgegnet: “Als Mitglieder einer europäischen Familie sollten wir Toleranz, Vergebung und Einigung vermitteln. Das beste Beispiel dafür ist die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden Krockow (Krokowa) in Polen und Schleich in Rheinland-Pfalz.”
Dennoch wollen die Ratsmitglieder in Krockow, daß man das Schild überdeckt. “Wie muß es den älteren Menschen wehtun, wenn sie daran erinnert werden, als sie in die Schule gingen, in welcher sie die Sprache ihrer Väter nicht gebrauchen durften und dafür sogar geschlagen worden sind”, meint Ratsmann Jozef Radziejewski. Wenn das Schild bleibe, betrete er nie wieder die Schwelle dieser Schule. Ihn unterstützt Marek Tylicki, Vorsitzender des Gemeinderates: “Ich kann die Glorifizierung einer preußischen Inschrift nicht verstehen, welche von den Männern erschaffen wurde, die die Eindeutschung zum Ziel gehabt haben.”
Ein Großteil der Einwohner sei anderer Meinung, berichtet die Zeitung. Sie seien dagegen, die historischen Elemente zu entfernen, welche von der Geschichte Zarnowitz zeugen. “An dieser Stelle soll man lieber die Jugend über die Eindeutschung Pommerellens aufklären”, hat man in einem Brief an den Gemeinderat geschrieben, welchen 200 Personen unterzeichnet haben. Die Einwohner schlagen vor, daß man daneben ein neues Schild “Grundschule in Zarnowitz” auf Polnisch anbringt und einen gekrönten Adler, um Gleichgewicht zu bewahren.
Der Gemeinderat hat dennoch einstimmig entschieden: Das Schild soll überdeckt werden. Die Ratsmitglieder waren sich aber nicht bewußt, daß die Inschrift aller Wahrscheinlichkeit nach bleiben wird, so die Zeitung. Warum? Vor einigen Tagen hat sich die Schuldirektion an den Denkmalpfleger der pommerschen Woiwodschaft gewandt, die Schule unter Denkmalschutz zu stellen. Diese Idee unterstützt der Denkmalpfleger des Landkreises Putzig. Er teilte mit: Schon der Antrag, das Gebäude in die Liste der Baudenkmäler aufzunehmen, bewirkt, daß über das Schicksal der Tafel nur der Denkmalpfleger bestimmen darf, und dieser wird sicherlich das Gebäude und das Schild für historische Objekte erklären.
Seitens der Landsmannschaft Westpreußen herrscht große Verwunderung über den Beschluß des Gemeinderates in Krockow. Gerade in Krockow gibt es zahlreiche Beispiele für gute deutsch-polnische Zusammenarbeit, die der deutsch-polnischen Verständigung dienen.
Im Jahr 1998 wurde ein Vertrag zwischen der polnischen Stiftung “Europäische Begegnung Kaschubisches Kulturzentrum Krockow” und der “Kulturstiftung Westpreußen” zur Gründung eines deutsch-polnischen Regionalmuseums in Krockow geschlossen. Das dortige Museum ist zugleich Außenstelle des Westpreußischen Landesmuseums in Münster. Das Westpreußische Landesmuseum ist bisher das einzige Museum, das im Heimatgebiet eine Außenstelle unterhält und gemeinsam mit einer polnischen Partnerorganisation grenzübergreifend vertrauensvoll und gut zusammenarbeitet.
In diesem Jahr kann das Museum in Krockow sein zehnjähriges Jubiläum feiern. Dieses Jubiläum sollte neben dem 60jährigen Bestehen der Landsmannschaft und der 60jährigen Herausgabe unserer Heimatzeitung “Der Westpreuße” ebenfalls besonders betont werden, denn es steht für die Dialogbereitschaft und Zukunftsgewandtheit der Westpreußen. Seit der Eröffnung im Jahr 1999 hat das Regionalmuseum zahlreiche Ausstellungen des Westpreußischen Landesmuseums gezeigt, viele gemeinsame Aktivitäten veranstaltet und erfolgreich mit dem Nationalmuseum in Danzig zusammengearbeitet. Der Vertrag aus der Gründungszeit hatte festgelegt, daß die Hälfte der Kosten für das Regionalmuseum von der bundesdeutschen Seite getragen werden.
Der unerwartete Beschluss des Gemeinderates in Krockow bedeutet einen Rückfall in überwunden geglaubtes Denken vergangener Zeiten. Er widerspricht dem Geist des deutsch-polnischen Vertrages über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit vom 17. Juni 1991 und dem Geist des zwischen den genannten Stiftungen geschlossenen Vertrages aus dem Jahr 1998. Es bleibt die Hoffnung auf bessere Einsicht der Ratsmitglieder und die anerkennenswerte Haltung der Schuldirektorin, die von europäischer Gesinnung zeugt.
Martin Stender
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