Beitrag aus DER WESTPREUSSE Nr. 12 – Dezemberausgabe v. 01.12.2007:

Eine Mücke im Bernstein
Bedeutende Bernsteinsammlung für das Westpreußische Landesmuseum
Von Barbara Kämpfert
 


Rainer Samietz und Dr. Lothar Hyss mit dem Übergabevertrag Foto: BK

Rainer Samietz und Dr. Lothar Hyss mit dem Übergabevertrag Foto: BK

Eine Mücke im Bernstein ist eine kleine Kostbarkeit – klein im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie ist nur wenige Millimeter groß, aber doch kostbar, weil sie nicht nur nicht so häufig ist, sondern auch, weil sie uns eine Art Fenster in die ferne Vergangenheit öffnet, in eine Zeit vor vielen Millionen Jahren.

Nicht nur eine Mücke im Bernstein, sondern eine Sammlung von mehreren hundert Stück von Bernstein-Inklusen (tierische oder pflanzliche Einschlüsse im Bernstein) erhielt jetzt das Westpreußische Landesmuseum in Münster-Wolbeck. Am 7. November wurde die Sammlung – einst im Westpreußischen Provinzialmuseum in Danzig verwahrt – im Rahmen einer Feierstunde vom Direktor des Museums der Natur in Gotha Rainer Samietz an den Direktor des Westpreußischen Landesmuseums übergeben. Das war fast ein bisschen wie Weihnachten – doch ist es auch eine große Verpflichtung: Eine fachgerechte Restaurierung der Sammlung ist nötig, eine wissenschaftliche Bearbeitung wünschenswert, und gezeigt werden sollten die Stücke natürlich auch. Das alles kostet Zeit, Mühe und Geld.

Die jetzt übergebene Sammlung ist Teil der einst etwa 5000 Stück an Inklusen umfassenden Bernsteinsammlung von Otto Helm in Danzig. Der 1826 im pommerschen Stolp geborene Otto Helm, der in Königsberg Pharmazie studiert hatte, führte seit 1854/55 in Danzig eine Apotheke (Heiliggeistgasse 25). Neben seinem Beruf und neben mehreren Ehrenämtern z.B. als Stadtrat forschte er auf naturwissenschaftlichem Gebiet und verfasste darüber über 1000 Veröffentlichungen. Besonders widmete er sich der Erforschung des Bernsteins. Durch chemische Analysen konnte er den Ostsee-Bernstein zweifelsfrei von anderen Harzen unterscheiden (Bern“stein” ist eine Art ver“steinertes” Harz), aber auch von Bernstein aus anderen Fundorten. Auch lieferte er den ersten wissenschaftlichen Beweis für die Existenz der sagenhaften Bernsteinstraßen des Altertums: Eine Bernsteinprobe von Heinrich Schliemann aus den Königsgräbern von Mykene wurde von Otto Helm chemisch analysiert und erwies sich als Ostsee-Bernstein.

Für seine wissenschaftlichen Verdienste erhielt er von der Universität Königsberg 1899 den Doktortitel. Er starb 1902 in Danzig. Seine Sammlung von etwa 5000 Stück Bernstein, meist mit pflanzlichen oder tierischen Einschlüssen, vermachte er testamentarisch dem Westpreußischen Provinzialmuseum, bis 1945 im Grünen Tor in Danzig, dessen Direktor Hugo Conwentz sich damit (zusammen mit anderen Sammlungen) über die zweitgrößte Bernsteinsammlung der Welt freuen konnte – die größte besaß Königsberg.

Seit 1945 galt die Sammlung als verschollen – verloren, vielleicht verbrannt, in den Wirren des Krieges. Nach der Wende von 1989 aber tauchte sie wieder auf. Ganz geklärt ist ihr Schicksal jedoch bis heute nicht.

Anfang der 1950-er Jahre protokollierte die Thüringer Kriminalpolizei, dass sich in einem Schloss bei Gotha Überreste einer Bernsteininklusensammlung befanden. Sie wurde zur sicheren Aufbewahrung in das Museum in Gotha überführt, denn Schüler hatten mit den kleinen, glatten, wenige Millimeter bis Zentimeter großen Plättchen “herumgeschnipst”, am nahe gelegenen See. Aufgrund der politischen Situation in der DDR wurde bis 1990 weitgehend Stillschweigen über die Sammlung gewahrt, doch wurde um 1960 eine Liste der in der Sammlung – noch – enthaltenen Stücke angelegt, die in Glasflaschen mit einer öligen Flüssigkeit aufbewahrt wurde. Auf der Suche nach dem Bernsteinzimmer stellte die DDR-Kriminalpolizei mit Hilfe dieser Liste in den 1980-er Jahren fest, dass es sich um Überreste einer Danziger Sammlung handelte. Erst nach 1990 wurde geklärt, dass es sich um Teile der Sammlung von Otto Helm handelte – etwa 2000 Stück konnten vor sieben Jahren in einer neuen Liste erfasst werden.

Da Bernsteininklusen nicht zum eigentlichen Sammlungsgebiet des Gothaer Museums gehören, wurde ein neuer Aufbewahrungsort gesucht – und in Münster-Wolbeck gefunden. Der Hamburger Bernsteinexperte Wolfgang Weitschat, der die stark beschädigte Sammlung sichtete und sie restaurieren soll, schätzt, dass von den existierenden 2400 Stücken 500 bis 700 Stück zu retten sind. Auch wenn das nur ein Zehntel der ursprünglichen Sammlung ist – das Westpreußische Landesmuseum in Münster-Wolbeck hütet nun einen Schatz, der in Deutschland und in ganz Europa Seltenheitswert hat!