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Von Roswitha Wisniewski
Es lässt sich nicht leugnen: Die Zahl der Menschen, die in jungen Jahren in den ehemals deutschen Provinzen und in deutschen Siedlungsgebieten gelebt haben, nimmt Jahr für Jahr ab. Die Generationen, die Flucht und Vertreibung mitgemacht haben, sterben allmählich aus.
Damit verringert sich die aus innigem Heimatbewusstsein geborene Erinnerung an den kulturellen Reichtum, der in der jahrhundertelangen deutschen Epoche jener Gebiete entstand. Es verringert sich auch die Möglichkeit, im Familien- und Freundeskreis die Erinnerung daran für die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Da auch die wissenschaftlichen Einrichtungen in den ehemals deutschen Gebieten nicht mehr bestehen oder an die nun dort lebenden Menschen mit ihrer eigenen Kultur und Sprache übergegangen sind, verschwindet ein großer Teil deutscher Kultur allmählich aus dem kollektiven Bewusstsein der Deutschen. Selbst die jetzt in jenen Gebieten lebenden Menschen, von denen so manche die von Deutschen geschaffenen Kulturzeugnisse liebevoll pflegen, suchen oft vergeblich nach deutschen Ansprechpartnern für einen wissenschaftlichen Dialog.
Wo anders könnte in der Bundesrepublik die wissenschaftliche Betreuung dieses Teils deutscher Kulturgeschichte erfolgen und für die Zukunft gesichert werden, wenn nicht an deutschen Universitäten und Hochschulen? Dort verbindet sich akribische Aufbereitung und Sicherung der Überlieferung mit der Weitergabe des Wissens an junge Menschen, die die Aufgabe der Bewahrung, Erforschung und Vermittlung in Zukunft übernehmen können. Nur hier kann es gelingen, deutsche Kultur des östlichen Europas in den Kanon der gesamten deutschen Kultur aufzunehmen.
Solche Gedanken waren es, die Bundesregierung und Bundestag in den neunziger Jahren veranlassten, Mittel für Stiftungsprofessuren an deutsche Universitäten zu vergeben. Die entsprechenden Bundesländer verpflichteten sich, diese Stiftungsprofessuren mindestens fünf Jahre, möglichst jedoch auf Dauer weiterzuführen.
An den Universitäten in Düsseldorf, Erfurt, Greifswald, Stuttgart entstanden Professuren zur deutschen Geschichte und Landeskunde im östlichen Europa. In Leipzig und Heidelberg wurden Professuren für deutsche Literatur und Sprache im östlichen Europa und ebenfalls in Leipzig eine Professur für Kunstgeschichte dieses Raumes eingerichtet. Angeschlossen an die Professuren sind bzw. waren jeweils Forschungsstellen, in denen junge Wissenschaftler als Spezialisten für die Gebiete herangezogen werden bzw. wurden.
Die Arbeit dieser Einrichtungen war und ist vorzüglich. Tagungen mit den osteuropäischen Nachbarn werden durchgeführt, wichtige Veröffentlichungen erscheinen – so etwa die fünfbändige Ausgabe einer ostmitteldeutschen Übersetzung der „Catena aurea“ des Thomas von Aquin‚ Studenten wählen das Fach für ihre Ausbildung, wissenschaftliche Nachwuchskräfte werden in immer größerer Zahl herangebildet.
Diesem vielversprechenden Entwicklungsprozess droht jetzt der Abbruch. Mehrere Universitäten zögern oder weigern sich, die Stiftungsprofessuren ihrer Bestimmung entsprechend weiterzuführen, sobald die bisherigen Inhaber die Altersgrenze erreicht haben. Es sind viele Gründe, die dafür angeführt werden, vor allem Stellenbedarf in Fächern, denen Stellen gestrichen wurden. Durch die zwischenzeitlich eingeführte Autonomie der Hochschulen sind den Landesregierungen weitgehend die Hände gebunden. Kürzlich machte der Bund der Vertriebenen auf die Gefahr aufmerksam, dass nach anderen auch die Stiftungsprofessur an der Universität Düsseldorf ihre bisherige Ausrichtung verlieren könnte. Es ist hohe Zeit, dass Bund und Länder sich des Problems der „sterbenden Stiftungsprofessuren“ annehmen und neue Konzepte für deren Fortführung im durch die Umstrukturierungen an den Universitäten veränderten Umfeld erarbeiten; denn die Pflege und Bewahrung des deutschen Kulturgutes aus den Gebieten im östlichen Europa gehört zu den vornehmsten Aufgaben der Kulturpolitik unseres Landes.
(KK)
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