Beitrag aus DER WESTPREUSSE Nr. 02 – Februar-Ausgabe v. 02.02.2008:

Was wird aus den Heimatsammlungen?

 

Dr. Martin Steinkühler vom Westpreußischen Landesmuseum sprach vor der Bundesversammlung der Landsmannschaft Westpreußen im September 2007 über das Problem der Heimatstuben. Zur Ergänzung des Tagungsberichts vom November fügen wir seinen Kurzvortrag hier an.                                                Die Redaktion

Im Dezember 2006 fand im Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa in Oldenburg eine Tagung statt, die sich mit der Zukunft der ostdeutschen Heimatsammlungen befasste. Mit organisiert wurde dieses zweitägige Kolloquium, an dem rund 40 Vertreter von Heimatsammlungen, Landsmannschaften, Landesmuseen, Archiven sowie Vertreter der Politik teilnahmen, vom Schlesischen Museum zu Görlitz und der Martin-Opitz-Bibliothek Herne. Wichtigstes Thema war dabei: Wie sind die Sammlungen in den ostdeutschen Heimatstuben, die meistens bei den Patenstädten entstanden, zu sichern?

Die seit den sechziger Jahren in der damaligen Bundesrepublik entstandenen Heimatstuben variieren in ihrer Größe und der Anzahl der ausgestellten Objekte teilweise beträchtlich. Gemeinsam aber haben sie, dass es bei ihrer Einrichtung nicht nur um die historische Dokumentation der verlorenen Heimat ging. Eben nicht nur das Sammeln und Ausstellen kulturell bedeutender Objekte war das Ziel, sondern auch das Zusammentragen sehr persönlicher Gegenstände, die für den einzelnen eine hohe emotionale Bedeutung hatten und haben. Darüber hinaus bieten die Heimatstuben die Möglichkeit der Begegnung und des Gedankenaustausches.

Heute haben die noch existierenden Heimatstuben einen hohen dokumentarischen Wert, da sie ein wesentlicher Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte und der Integration der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge sind. Von großer Wichtigkeit war und ist aber auch der hohe emotionale Wert dieser Sammlungen für die in der Regel ehrenamtlich tätigen Betreiber, die zumeist noch der Erlebnisgeneration angehören, also das Trauma von Flucht und Vertreibung selbst erfahren haben.

Unter den in Oldenburg versammelten Tagungsteilnehmern herrschte Einigkeit darüber, dass diese Sammlungen auch künftig erhalten bleiben müssen, auch um diese Bestände künftigen Generationen zugänglich machen zu können – es ist also auch eine Arbeit wider das Vergessen, über die wir in diesem Zusammenhang sprechen. Dem gegenüber steht die Tatsache, dass die Erlebnisgeneration nach und nach abtritt. Viele Betreuer der Heimatstuben müssen aus Alters- oder Gesundheitsgründen ihr Engagement für die häufig von ihnen ins Leben gerufene oder aber langjährig betreute Heimatstube aufgeben. Dazu kommt, dass auch die Patenstädte, die lange Zeit vor allem Räumlichkeiten zur Verfügung stellten, teilweise „den Schlüssel umgedreht haben“ oder dies planen. In diesen Fällen steht das Sammlungsgut verpackt in den Kellern der Rathäuser.

Auf der Tagung in Oldenburg wurden daher möglichst praxisnahe Lösungen für einen Erhalt der ostdeutschen Heimatsammlungen diskutiert.

Als ein Ziel wurde der möglichst langfristige Erhalt der Sammlungen an ihren jetzigen Standorten bezeichnet, um so die Darstellung „in der Fläche“ zu gewährleisten. Damit einhergehend wurde eine gewisse „Professionalisierung“ der Arbeit vor Ort thematisiert, d. h. Anpassung der Präsentationen an einen zeitgemäßen Museums-Standard ohne Aufgabe des den Sammlungen innewohnenden Charmes. Dazu gehören aber auch eine möglichst regelmäßige Betreuung inklusive Öffnungszeiten der Heimatstuben bzw. die Nennung/Bekanntmachung von Ansprechpartnern vor Ort. Dies setzt allerdings die nötigen personellen und auch finanziellen Gegebenheiten voraus, die nicht überall gegeben sind.

In Einzelfällen kann auch die Integration der Heimatstuben in die vor Ort bestehenden Stadt- oder Kreismuseen eine Lösung sein, falls eine eigenständige Aufrechterhaltung der Heimatstube selbst nicht mehr möglich ist. Diese Lösung setzt aber nicht zuletzt gute persönliche Kontakte zu den Vertretern der örtlichen Stadt- und Museumsverwaltung voraus. Das Stadtmuseum hier in Münster zeigt beispielsweise eine kleine Braunsberg-Präsentation, die aus ein paar Bilderrahmen und zwei oder drei Vitrinen besteht – zu sehen bekommt diese Mini-Ausstellung allerdings nur derjenige, der die Toilette benutzt, da die Exponate in einem Vorraum zu den Toilettenanlagen aufgestellt wurden.

Ein Transfer der Sammlungen aus Deutschland nach Polen wurde in Oldenburg schnell verworfen, da eine dauerhafte Präsentation der deutschen Sammlung vor Ort nicht gesichert ist. Daher wurde ein Verbleib im Westen eindeutig favorisiert. Ausführlich wurde dies am Beispiel der „Historischen Sammlung Brieg“ deutlich, die ihren Sitz in Goslar hat. Dort hatte man sich intensiv mit der Möglichkeit beschäftigt, die Bestände an das Brieger Schlossmuseum zu übergeben, woran auch der dortige Museumsdirektor großes Interesse zeigte. Man entschied sich letztendlich dagegen. Ausschlaggebend war, dass man davon ausging, dass das Brieger Schlossmuseum – selbst mit guten Beständen ausgestattet – sich kaum für Erinnerungsstücke und Schrifttum interessieren würde, das sich mit der Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung befasst. Des weiteren ging man davon aus, dass zwar der jetzige Museumsdirektor eine angemessene Präsentation der Bestände garantieren würde – die Zukunftsperspektiven unter einem Nachfolger seien dagegen ungewiss. Bei einer eventuellen Überführung nach Brieg wäre für die meisten deutschen Brieger bei deren hohem Durchschnittsalter die Erreichbarkeit nicht mehr gewährleistet.

Eine spezielle Lösung für den Verbleib und die dauerhafte Präsentation wurde seitens des Vertreters der schlesischen Heimatstuben vorgestellt: die Heimatstuben sollen in eine neue Stiftung überführt werden, die ihren Sitz in Görlitz in der Nähe des Schlesischen Museums haben soll. Diese neu zu errichtende Institution soll der Darstellung der einzelnen Heimatkreise, der Aufbewahrung des Archiv-Materials und einer Bibliothek ostdeutscher Literatur dienen. Die Finanzierung dieses ambitionierten Projekts soll durch die Schlesier, den Bund und die involvierten Bundesländer erfolgen.

Der Vertreter des Landes Niedersachsen und Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler stellte eine interessante Überlegung vor, die in seinem Bundesland derzeit bearbeitet wird. Ziel des Landes Niedersachsen ist es, den Erhalt der Heimatstuben an ihren jetzigen Standorten so lange wie möglich zu sichern. Erst wenn der Fortbestand nicht mehr gesichert werden kann, soll das Kulturgut zentral gesichert werden – auf jeden Fall aber soll das Kulturgut in Niedersachsen verbleiben.

Daher soll das Grenzdurchgangslager Friedland zukünftig wenigstens teilweise einer neuen Bestimmung zugeführt werden. Geplant ist die Errichtung einer zeitgeschichtlichen Gedenkstätte, die als zentrale Einrichtung für die Übernahme ostdeutscher bzw. schlesischer Heimatstuben fungieren soll. Größere Heimatsammlungen sollen hier auch in ihrer ursprünglichen Form präsentiert werden können. Gleichzeitig sollen die Sammlungen wissenschaftlich bearbeitet und ausgewertet werden, um so Material für künftige Wechselausstellungen zu erhalten. Räumlichkeiten und Lagermöglichkeiten für diese groß angelegte Projekt sind in Friedland in ausreichendem Umfang vorhanden.

Über diese Planungen fanden bereits Gespräche zwischen dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur und dem Niedersächsischen Kultusministerium geführt statt. Für das weitere Vorgehen wird es einen Beirat geben, dem auch ein Vertreter der Vertriebenen angehören wird.

Des Weiteren wurde über die mögliche Übernahme von Teilen der Heimatstuben in die Bestände der ostdeutschen Landesmuseen gesprochen. Das Donauschwäbische Zentralmuseum in Ulm verdankt einen Großteil seiner Bestände der Übereignung einiger Heimatsammlungen in den neunziger Jahren. Die damit einhergehende Veränderung der Präsentation findet jedoch nicht die ungeteilte Zustimmung gerade der früheren Betreuer dieser Sammlungen.

Das Westpreußische Landesmuseum in Münster-Wolbeck ist natürlich jederzeit bereit, Bestände aus westpreußischen Heimatstuben und/oder Heimatsammlungen aufzunehmen, wenngleich die personelle und räumliche Ausstattung in unserem Haus derzeit nicht optimal für größere Sammlungen ist. Wir haben schon vor Jahren das Archiv des Heimatkreises Tiegenhof sowie die Heimatsammlung des Heimatkreises Graudenz und Unterlagen der Heimatgruppe Drausenniederung übernommen. Vor kurzem trat der Heimatkreisvertreter der Thorner an uns heran und bot uns die derzeit noch in Lüneburg aufbewahrte Sammlung des Heimatkreises an. Auch der Heimatkreis Konitz – der keine eigene Heimatstube führt – hat in den letzten Jahren umfangreiches Material zusammen getragen, das auf Dauer dem Landesmuseum übergeben werden soll. Trotz aller Schwierigkeiten werden wir darauf achten, dass diese Gegenstände sachgerecht gelagert und möglichst auch – wenigstens teilweise – präsentiert werden können.

Ausblick

Vorrangig wäre aus meiner Sicht derzeit, dass man sich einen genauen Überblick über die noch bestehenden Heimatstuben mit westpreußischem Bezug verschafft, über deren Unterbringungssituation, personelle Ausstattung, Betreuungssituation usw. usw. Im Jahre 2003 hat Herr Armin Fenske eine Liste erstellt, aus der hervor geht, dass von den 24 westpreußischen Heimatkreisen

l  vier eine Heimatstube unterhalten (Marienburg, Marienwerder, Rosenberg, Thorn)
l  einer ein Heimatmuseum unterhält (Stuhm)
l  sechs eine Heimatsammlung führen (Bromberg-Stadt, Bromberg-Land, Dirschau, Elbing-Stadt, Graudenz Stadt und Kreis [mittlerweile im Westpreußischen Landesmuseum], Konitz, Kulm)
l  drei eine private Sammlung haben (Karthaus, Neustadt, Tuchel).

Die übrigen Heimatkreise haben keine Heimatsammlung, -stube, -museum.

Zu den Heimatsammlungen sind aber auch die vielen privaten Familiensammlungen zu zählen. Gerade auch in diesen Sammlungen befinden sich viele Unterlagen, die für die Wissenschaft von großem Nutzen sind – ein Verlust dieser Bestände würde einen unwiederbringlichen Schaden anrichten!

Im Jahre 2003 fand im Westpreußischen Landesmuseum bereits eine Tagung zum Thema Westpreußische Heimatstuben statt. Dieser Gesprächsfaden sollte bald wieder aufgenommen werden, um zukunftsgerichtete Konzepte zu entwickeln. Dies soll meines Wissens nach schon Ende November 2007 auf einer Tagung geschehen, die sich konkret mit dem Thema „Westpreußische Heimatstuben“ befassen wird.

Das Schlesische Museum in Görlitz hat in diesem Zusammenhang Pionierarbeit geleistet. Im Jahr 2000 haben zwei eigens angestellte Projektmitarbeiter um die 50 schlesische Heimatstuben besucht. Sie sammelten allgemeine Informationen über die Einrichtungen, sichteten die Bestände, dokumentierten und fotografierten bedeutende Objekte. Die Ergebnisse dieser Dokumentation lassen sich heute im Internet einsehen, wo sich ein sehr guter Überblick über die schlesischen Heimatstuben findet.(http://www.schlesisches-museum.de/Heimatstuben.heimatstuben.0.html)

Wie hieß es auf der Tagung in Oldenburg? Es ist fünf vor Zwölf, aber es ist noch nicht zu spät!

Dr. Martin Steinkühler