Beitrag aus DER WESTPREUSSE Nr. 02 – Februar-Ausgabe v. 02.02.2008:

Heimatstuben – Heimatsammlungen – Heimatchroniken
Seminar der Landsmannschaft Westpreußen in Münster
 

Unter dem Titel „Heimatstuben – Heimatsammlungen – Heimatchroniken“ stand ein Seminar der Landsmannschaft Westpreußen, das am 23. und 24. November 2007 in Münster stattfand. Es sollten gemeinsam Empfehlungen über die zukünftige Bewahrung von gefährdetem Kulturgut der Heimatstuben und Heimatsammlungen erarbeitet werden.

In seiner Einführung hatte der Tagungsleiter, Bundeskulturreferent Reinhard M.W. Hanke, darauf hingewiesen, dass es in der Bundesrepublik Deutschland mehrere hundert Heimatmuseen und Ostdeutsche Heimatstuben gibt, die unterschiedlich betreut werden. Nach über 60 Jahren befinden sich diese Einrichtungen in einer schwierigen Lage, und es gilt, über die Sicherung dieser Sammlungen nachzudenken und nach dauerhaften Lösungen zu suchen. Wertvolles Kulturgut muss allen Interessierten zugänglich bleiben. Immer drängender stellt sich daher die Frage: „Was wird aus der Heimatstube bzw. Heimatsammlung?“ Jahrzehntelang haben die Heimatvertriebenen mit viel Mühe und Einsatz Erinnerungsstücke, Karten, Bilder und Literatur über ihren Heimatkreis gesammelt und wissen jetzt nicht, wie es mit diesen Sammlungen weitergehen soll, wenn sich die letzten aus der Erlebnisgeneration nicht mehr darum kümmern können. Die Martin-Opitz-Bibliothek in Herne, das Schlesische Landesmuseum in Görlitz und das Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa haben 2006 in einem Kolloquium erste Schritte unternommen, Lösungen auszuarbeiten.

Der Bundesvorsitzende Siegfried Sieg begrüßte über 40 Teilnehmer zu diesem so wichtigen Seminar, davon etliche jüngere und ältere Interessierte aus Polen von den Gruppen der Deutschen Minderheit. Er ging auf die Schwierigkeiten bei der Sicherung der Sammlungen ein und forderte die Teilnehmer auf, nach Lösungen zu suchen. Er wies darauf hin, dass es unsere Aufgabe ist, Kulturgut zu erhalten und an die nachwachsende Generation weiterzugeben.

Dr. Idis Hartmann, ehemalige Mitarbeiterin des Bundesinstituts für Deutsche Geschichte im östlichen Europa (Oldenburg), erinnerte daran, dass die Patenschaften einzelner Städte zu den Heimatkreisen auch weiterhin die Heimatstuben fördern sollten. Wie in der Diskussion deutlich wurde, ist dies schon heute vielfach nicht mehr der Fall. Manche Patenschaften ruhen mittlerweile, und etliche Sammlungen sind gut verpackt nicht mehr zugänglich, weil es keinen passenden Raum für sie gibt. Bereits 1986 hatte man beschlossen, dass die Heimatstuben mit all ihren Stücken systematisch erfasst und registriert werden sollten. Das scheiterte aber häufig an den damals schon fehlenden Mitarbeitern und Möglichkeiten. Oft werden die Sammlungen von ehrenamtlichen und nicht fachlich ausgebildeten Laien betreut und sind wissenschaftlich nicht aufgearbeitet. Dabei finden sich darin lokalhistorische Schätze, die es sonst nirgends gibt und die unweigerlich verloren gehen, wenn sie irgendwann im Weg sind. So wandern gerade Fotos in die Mülltonne, wenn keiner mehr weiß, was oder wen sie darstellen. Dr. Hartmann betreut die Ostdeutsche Heimatstube in Bad Zwischenahn und steht als Ansprechpartnerin für die Heimatstuben und Heimatsammlungen in Niedersachsen, speziell im Oldenburger Land, gern zur Verfügung. Sie wünscht sich eine moderne Präsentation, wie sie heute in Museen üblich ist. Dazu wären Wechselausstellungen nötig, nicht nur eine Neugestaltung der ständigen Ausstellung. Sie warnt davor, die Exponate zurück in die Heimat zu geben. Dadurch sind sie hier in Deutschland verloren, doch es zeigt sich, dass zwar nur wenige Kinder der Erlebnisgeneration, aber schon wesentlich mehr Enkel Interesse an der Heimat und dem früheren Leben ihrer Großeltern haben. So ist es eine wichtige Aufgabe, die Sammlungen für die hier nachwachsenden Generationen zu erhalten. Viele junge Deutsche wissen schon heute nichts mehr von dem deutschen Leben jenseits von Oder und Neiße! Die vom Land Niedersachsen geplante zentrale Sammelstelle für die Heimatsammlungen in Friedland erscheint als Lösung ungeeignet. Es ist zu abgelegen und zieht wohl daher keine Touristen an. Das Westpreußische Landesmuseum in Münster hat gegenwärtig keinen Platz, ganze Sammlungen aufzunehmen, ist aber grundsätzlich bereit, Sammlungen zu übernehmen, wenn sie sonst verloren gingen. Außerdem wird z.Z. an einer Erweiterung des Landesmuseums gearbeitet, so dass sich das Platzproblem schon in den nächsten Monaten lösen könnte. Als sinnvollste Lösung bleibt nichtsdestoweniger, dass die Heimatstuben möglichst an ihren jetzigen Orten verbleiben und als Museen weiterbetrieben werden! Das wird auch schon von den Sammlungen der Landsmannschaft Pommern weitestgehend praktiziert, wie deren Vorsitzende Magrit Schlegel berichtete. Um die Heimatstuben auch einem jüngeren Publikum bekannt zu machen und die jungen Leute dafür zu interessieren, sollten sie optisch ansprechend im Internet präsentiert werden.

Der ehemalige Leiter des Westpreußischen Landesmuseums Hans-Jürgen Schuch wies darauf hin, dass es in Nordrhein-Westfalen eine Arbeitsgemeinschaft der Museen, Sammlungen und Heimatstuben gibt und fragte, ob der Begriff Heimatstube noch zeitgemäß sei. In einem kurzen Überblick stellte er heraus, was die Heimatstuben sind und welchen Zweck sie erfüllen. Zum einen sind sie Treffpunkt und Versammlungsraum für die Mitglieder der Heimatkreise. Für die Organisation und Verwaltung können sie auch als Büro dienen. Natürlich sind sie der eigentliche Aufbewahrungs- und Präsentationsort der Sammlungen sowie deren Archiv. Als Idealfall stellte auch er heraus, dass sie als Museum mit eigener Konzeption fungieren. Vielfach sind die westpreußischen Heimatstuben an städtische Museen der Patenstädte gebunden, was immer dann problematisch wurde, wenn diese umzogen und unter neuer Konzeption wieder eröffnet wurden. Für die Heimatstuben war dann kein Platz mehr. Schuch betonte, dass es erforderlich ist, den Bestand der Heimatstuben durch einen Vertrag abzusichern, wenn sie in irgendeiner Form an das Stadtmuseum oder eine andere Institution übergeben werden. Eine wichtige Voraussetzung ist dabei die Registrierung. Es sollte das Eigentumsrecht festgehalten sein. Unter vertraglicher Absicherung kann man sich auch eine Leihgabe einzelner Stücke an die Museen der Heimatstadt vorstellen, nicht aber die Übergabe ganzer Sammlungen. Ein Beispiel für eine solche zeitlich begrenzte Ausleihe war die von den Städten Bromberg und Wilhelmshaven mit Beteiligung der Sammlung Bromberg im Jahre 2006 gemeinsam durchgeführte Ausstellung „Deutsche und Polen in Bromberg/Bydgoszcz“, die in beiden Städten gezeigt wurde. Die jeweilige Deutsche Minderheit ist in den polnischen Städten finanziell, personell und räumlich nicht in der Lage, die Sammlungen der Heimatkreise zu übernehmen.

Auf die Dorfchroniken ging Günter Hagenau vom Heimatkreis Marienwerder besonders ein. Er verwies auf die Ost-Dokumentation des Bundesarchivs in Bayreuth als Fundgrube für den Besiedlungszustand der westpreußischen Dörfer zum Zeitpunkt der Flucht im Januar 1945. Er forderte dazu auf, die konkrete Geschichte im Kleinen aufzuarbeiten: Geschichte des Dorfes, Menschen des Dorfes, Namen von Personen und Lage des Dorfes. Die entstandene Ost-Dokumentation Teil 3 enthält die „Seelenlisten“ der einzelnen Dörfer. Dazu kann auch das Staatsarchiv in Berlin helfen, das Einwohnerlisten von vielen Dörfern aus den Jahren 1875 bis 1943 besitzt. Hier bleibt noch viel zu tun. Hagenau wandte sich auch an die Gäste aus unserer Heimat Westpreußen und forderte sie auf, den heutigen Zustand der Dörfer zu beschreiben, so dass man dann vergleichen kann, wie sich die Dörfer von früher weiterentwickelt haben. Er betonte außerdem: „Die Geschichte eines Dorfes muss nicht neu geschrieben werden, man muss sie nur zusammensuchen. Unsere Heimat ist nicht verloren, wenn wir ihr ein Gesicht geben, das auch andere sehen können“. (DW 1/2008, S. 19/20)

Dr. Wolfgang Kessler, Leiter der Martin-Opitz-Bibliothek in Herne, wies darauf hin, dass in den Heimatstuben ganz Spezifisches zu dem jeweiligen Heimatkreis gesammelt ist, das es sonst nirgends gibt. Überregionale Veröffentlichungen finde man in vielen Bibliotheken oder Museen, aber ganz spezielle Literatur eben nicht. Er plädierte dafür, alte Unterlagen nicht zu vernichten, da diese für Historiker eine wichtige Grundlage sind. Auch er betonte die Wichtigkeit der Internetpräsentation für Dritte und nachfolgende Generationen, da die Jugend fast ausschließlich dieses Medium nutzt. Er machte darauf aufmerksam, dass die Sammlungen oft durch unsachgemäße Lagerung gefährdet sind, z. B. durch Mäuse, Feuchtigkeit und Schimmel, aber auch durch Tageslicht und Papierzerfall. Auch denkt man oft nicht an Brand- und Wasserschutz. Für ihn ist das größte Gefährdungspotential aber das Vergessen! Nur wenn gegen das Vergessen gekämpft wird, wird deutlich, dass die Sammlungen ihren Wert für die Zukunft haben. In der Zukunft werden die Heimatsammlungen Grundlage für Forschungen sein. Allein schon in dem Bewusstsein, dass zukünftige Generationen hiervon profitieren werden, bleibt es unsere wichtigste Aufgabe, alles zu erhalten!

Bundeskulturreferent Reinhard M.W. Hanke fasste als Ergebnis des Seminars zusammen:
Heimatsammlungen: Das Westpreußische Landesmuseum wird sich mit Beginn des neuen Jahres in Zusammenarbeit mit den Betreuern dieser Sammlungen um die westpreußischen Heimatsammlungen bemühen: es wird eine eingehende Bestandsaufnahme durchgeführt und ein Zukunftskonzept für jede Heimatstube erarbeitet.

Ortsbeschreibungen: Der Kulturausschuss wird sich dieses Themas annehmen: die Arbeitsanleitung von Herrn Hagenau wird auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung am 27. Februar stehen; danach wird dieses Papier an  die interessierten Funktionsträger in der Landsmannschaft (Heimatkreis, Landesgruppen) verschickt; auf dem nächsten Westpreußen-Kongress im September 2008 wird hierzu eine Arbeitsgruppe eingerichtet; es wird eine Tagung von interessierten Landsleuten im Staatsarchiv Bayreuth vorbereitet, zu der von dessen Leiter bereits eine Einladung vorliegt.

Jürgen Rottmann/Ilma Samel