Der Westpreuße Unser Danzig

Beitrag aus DER WESTPREUSSE Nr. 2 – Februar-Ausgabe v. 07.02.2009:

Knochenfunde in Marienburg
Wie uns die Geschichte einholt

 

Von Rainer Zacharias

“Seit Tagen bewegt Deutschland das Massengrab von Marienburg”, so eröffnete die BILD-Zeitung am 13. Januar 2009 ihren sechsten Bericht in Folge zum Thema des bestürzenden Knochen

Im Oktober des vorigen Jahres stießen Arbeiter, die die Baugrube eines geplanten Vier-Sterne-Hotels im Vorfeld des Hochschlosses ausheben wollten, auf die Knochen von zunächst 67 Menschen. Die Arbeiten wurden unterbrochen, die Gebeine der Menschen geborgen und gemeinsam auf dem städtischen Friedhof in Willenberg im Beisein eines Priesters bestattet. Einige Knochen sind dem gerichtsmedizinischen Institut in Danzig zur kriminologischen Prüfung übersandt worden.

Zu diesem Aufsehen erregenden Ereignis kursierten Anfang November über das Internet Fotos, die auch den Heimatkreis Marienburg erreichten. Seitdem ist es, als sei eine Lawine gewaltigen Ausmaßes losgetreten worden. Inzwischen hat sich die Zahl der gefundenen Leichen auf 1800-2000 erhöht, und die Presse in Polen und Deutschland sowie das Internet haben das Thema in immer größerem Umfang aufgegriffen.

Die Gebeine – ohne Kleider, Schuhe, Gürtel, Brillen, Zahnprothesen ( lt. Süddeutscher Zeitung ) – sind in dem Areal zwischen der einstigen Nikolaus-Fellenstein-Straße, der Kleinen Geistlichkeit und der Straße Binnenwall in unmittelbarer Nähe des Platzes gefunden worden, an dem das Hotel “Drei Kronen” gestanden hat. Dieses Haus hatte den Krieg als Ruine überdauert, war bewohnbar gemacht worden und enthielt bis vor Jahren ein Kino. Schließlich war es Wohnhaus und mußte erst vor kurzem dem Hotelprojekt weichen. Das gesamte Gelände diente jahrzehntelang dem in Marienburg sog. Russenmarkt, auf dem in Buden und bei fliegenden Händlern alle möglichen Waren angeboten
wurden.

Meine Frau und ich haben das Gelände am 22. November vorigen Jahres bei unserem Besuch an der Nogat mit einem Freund in großer Beklommenheit umschritten. Außer dem aufgewühlten Boden und einem rot-weißen Absperrband war nichts Auffälliges zu erkennen.

Die Knochenfunde alarmierten die Stadtverwaltung, die Polizei und die Staatsanwaltschaft, dazu die Lokalzeitungen mit immer neuen Enthüllungen und Anfragen sowie die Nutzer des Internets. Besonders ihnen gingen die Untersuchungen nicht schnell und intensiv genug voran. Bürgermeister Andrzej Rychlowski, den ich am 22.11. im Rathaus besucht und auf das Thema angesprochen habe, sicherte mir eine gründliche Untersuchung zu und versprach, daß die Bauarbeiten nicht fortgesetzt würden, ehe eine Klärung herbeigeführt worden sei. Die Exhumierung ist nach einer Schnee- und Frostpause am 13. 1. 2009 fortgesetzt worden. Die Aufmerksamkeit der Stadtverwaltung ist auf eine künftige würdige Bestattung gerichtet.

Ich habe inzwischen alle mir erreichbaren Quellen daraufhin durchgesehen, in welcher Zeit und unter welchen Umständen die Knochen an diese Stelle gelangt sein könnten. Als ehemaliges Friedhofsgelände kommt das Areal nicht infrage. Leider liegt bis heute kein mir bekanntes offizielles gerichtsmedizinisches Gutachten vor. Es gibt lediglich die sich ständig verdichtenden Vermutungen, daß es sich um Opfer aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges oder der sich unmittelbar anschließenden Wochen handeln müsse. Gustav Fieguths Buch “Marienburg 1945. Kampf um Stadt und Burg” ( 1985 ) zeigt deutlich, daß dieses Gelände vom 25/26. Januar 1945 bis zum Ende der Kampfhandlungen am 8./9. März ohne Unterbrechung in sowjetischer Hand gewesen ist und – von den deutschen Verteidigern her gesehen – in einem toten Winkel lag.

Die BILD-Zeitung vom 10. Januar 2009 zitiert Bürgermeister Rychlowski mit folgenden Worten: “Im strengen Winter 44/45 sind viele der zurückgebliebenen Deutschen erfroren und verhungert. Als die Russen die Stadt einnahmen, wiesen sie die Überlebenden an, die Leichen aus den Straßen in einen Bombentrichter zu werfen. Damit die Nachwelt nichts davon erfährt, könnten die Russen die Deutschen erschossen haben, als die Arbeit verrichtet war.” Aus dem Bericht von Pfarrer Konrad Will “Marienburg 1945 bis 1957” ( Neues Marienburger Heimatbuch, 1967,  S. 372 ff. ) lässt sich der erste Teil dieser Annahme bestätigen: die Deutschen mussten diese Arbeit leisten. Von den Erschießungen berichtet Will dagegen nichts. Und der Autor Wieslaw Jedlinski, der im Jahre 2000 eine polnisch verfasste, sorgfältig recherchierte Stadtgeschichte Marienburgs veröffentlicht und darin die ersten Monate zwischen März und dem Sommer 1945 beschrieben hat, erwähnt ungeschminkt eine Anzahl von Vergewaltigungen, Einbrüchen, Übergriffen und Erschießungen gegenüber der deutschen Restbevölkerung, erwähnt das Massengrab aber mit keinem Wort.

Und auch in den frühen “Marienburger Zeitungen”, die Hubert Dettmeyer seit dem September 1947 ediert hat, findet sich kein Wort über ein solches konkretes Ereignis. Leider hat sich – meiner Kenntnis nach – bislang niemand über die Presse oder das Internet gemeldet, der als wirklicher Augenzeuge eine entsprechende Aussage hat machen können. Die Eintragung auf unserer Internet-Seite vom 12. Januar 2009 zielt in diese Richtung, muss aber wegen des angegebenen Zeitpunktes November 1945 Skepsis hervorrufen. Am sichersten könnten Spuren in russischen oder polnischen Verwaltungsunterlagen aus dem ersten Halbjahr 1945 Klarheit schaffen. Aber wer sollte in solcher Zeit derartige Aufzeichnungen angefertigt haben ? Es wird wohl schwierig werden, das Geschehen eindeutig aufzuklären!

Vielleicht kann sich jemand von den Marienburgern oder den damaligen Einwohnern des Kreises an dieses schreckliche Ereignis erinnern oder an Berichte darüber – sie oder er möge sich bitte bei unserem Heimatkreisvertreter Bodo Rückert (Tel. 0221/353831) melden. So könnten wir Gewißheit in all der heutigen Unruhe schaffen und bei der künftigen Bestattung eine historische Würdigung beisteuern.

Dr. Rainer Zacharias ist gebürtiger Marienburger und befasst sich als Historiker seit Jahrzehnten mit der Geschichte seiner Heimatstadt.