Beitrag aus DER WESTPREUSSE Nr. 02 – Februar-Ausgabe v. 02.02.2008:

Gemeinsames Kulturseminar der Danziger
und der Westpreußen

 


Mit dem gemeinsamen Kulturseminar der Landsmannschaft Westpreußen und des Bundes der Danziger vom 19. bis 21. Oktober 2007 in der Ostsee-Akademie in Lübeck-Travemünde fand die 2006 begonnene Zusammenarbeit eine Fortsetzung. Unter den 34 Tagungsteilnehmern stellte die LMW die Mehrheit. Elf Vertreter der deutschen Minderheit aus unserer Heimat waren gekommen, leider keiner aus Danzig. Diese zweite von beiden Landsmannschaften gemeinsam organisierte und besuchte Tagung sollte mit dem Thema „Danzig und Westpreußen in den letzten 200 Jahren“ sowohl den Nationalitätenverhältnissen als auch den sich dadurch ergebenden Konfliktlinien und -brüchen gewidmet sein.

Vier Vorträge befassten sich mit diesem Themenkomplex. Der Kulturreferent der Landsmannschaft Westpreußen, Reinhard  M. W. Hanke, eröffnete das Seminar und übermittelte die Grußworte sowohl des Vorsitzenden der Landsmannschaft Westpreußen, Siegfried Sieg, als auch desjenigen des Bundes der Danziger, Werner Hewelt, die beide an dem Abend nicht anwesend sein konnten. Die Vorträge begann Hans-Jürgen Kämpfert mit einer Diareise durch Westpreußen, auf der er einen Fokus auf die überall sichtbare Restaurationsarbeit im Land an der unteren Weichsel legte. Zwischen Thorn und Krockow ist allenthalben eine emsige Bautätigkeit der städtischen und privaten Hand zu erkennen.

Am Sonnabend begann das Seminar in Anwesenheit von Dip.-Ing. Werner Hewelt, der nun persönlich ein Grußwort an die Anwesenden richtete, mit dem Vortrag von Dr. Stefan Hartmann, Archivrat im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin: „Zu den Nationalitätenverhältnissen in Westpreußen vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges“. Nach einem Abriss der Geschichte des Landes an der unteren Weichsel lag der Schwerpunkt auf dem 19. Jahrhundert, das bis 1878 vom Übergewicht Ostpreußens gegenüber der kleinen Schwester Westpreußen in der gemeinsamen Provinz Preußen geprägt war. Erst nach der Teilung konnte Westpreußen sich der gewachsenen Nationalitätenprobleme widmen, die sich danach noch verschärften. Westpreußen war ein typisches Grenzland ohne eindeutige Volkstumsgrenzen. Bei den regelmäßigen Volkszählungen (die letzte 1910) bildete die Sprache das Kriterium für die Volkszugehörigkeit, die aber keine eindeutige Objektivität gewährleistete, ebenso wenig wie die Religionszugehörigkeit. Eine Zäsur im Nationalitätenkonflikt in Westpreußen stellten die Reichsgründung 1871 und der danach einsetzende Kulturkampf dar: Sie beschleunigten die nationalen Gegensätze. Deutsche stellten in den Städten die Mehrheit, während sie auf dem Land im Durchschnitt in der Minderheit waren. Bis zur Reichsgründung hatte sich die Bevölkerung in Westpreußen seit 1815 verdoppelt, während sie danach bis 1910 nur noch um 30 Prozent wuchs. Der Regierungsbezirk (RB) Danzig hatte mit 71 Prozent Deutschen einen höheren Anteil als der RB Marienwerder mit 60 Prozent. Während in Letzterem der Anteil an Kaschuben bei 1 Prozent lag, war er im RB Danzig mit ca. 10 Prozent wesentlich höher. Sehr interessante Ergebnisse ergab die Religionszugehörigkeit: Während die Evangelischen zu fast 100 Prozent deutsch waren, gab es in Westpreußen unter den Katholiken, die die Mehrzahl stellten, neben dem polnischen auch einen beträchtlichen deutschen Anteil. Die Katholiken nahmen während des Zeitraums 1890-1910 prozentual zu, während die Juden um ein Drittel abnahmen. Stefan Hartmann ging auch auf die Berufs- und Sozialstruktur und die Betriebszählung von 1907 ein. Das Hauptgewicht lag in Westpreußen auf Betrieben mit zwei bis zehn Personen (vier Fünftel alle Betriebe) und die deutschen Inhaber überwogen in allen Größenklassen. Genaue Daten und Analysen dieser Thematik sind im gleichnamigen Artikel in der Zeitschrift für Ostforschung, Nr. 42 (1993), S. 391-405, veröffentlicht. Die ausführliche Diskussion, vornehmlich zur Geschichte dieses Zeitabschnitts, zeigte das große Interesse an diesem Thema.

Der Vortrag von Dr. Mathias Niendorf „Nationalismus und Konfliktgestaltung. Westpreußen zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg“ knüpfte zu einem guten Teil an die Thematik des vorigen Referats an, indem er die sich aus den nationalen Rivalitäten ergebenden Konflikte beleuchtete. Nach den Definitionen für Nation („Volkabstimmung jeden Tag“, Ernest Renan) und für Volk („Inbegriff von Menschen, die eine Sprache sprechen“, Jacob Grimm), die beide aus dem 19. Jahrhundert stammen, entwickelte Niendorf die Konfliktlinien, die Westpreußen vor einhundert Jahren prägten. Das Land war bei genauer Untersuchung nicht rückständig gegenüber dem Reich, es wies aber innerlich große Unterschiede auf. Großes Konfliktpotential bargen die Besitzverteilung und die Arbeitsverhältnisse auf dem Land: Landbesitzende gegen Landarbeiter, gegen Wanderarbeiter aus Russland. Den Landarbeitern war eine gewerkschaftliche Organisation verwehrt. In Westpreußen waren die Konfliktschauplätze das Land, der Nationalismus beider Couleur wurde vom Landadel/den Gutsbesitzern getragen. Während in der Provinz Posen der Nationalitätenkonflikt das Land aufwühlte, basierten die Konfliktlinien in Westpreußen vermehrt auf wirtschaftlichen Problemen.

Der anschließende Vortrag ebenfalls von Dr. Mathias Niendorf: „Deutsche und Polen in den Kreisen Flatow und Zempelburg 1900 bis 1939“ beruhte auf seiner fast gleichnamigen Dissertation von 1997. Die 1920 eintretende Teilung des ursprünglichen Kreises Flatow des Deutschen Reiches in den Kreis Flatow der Grenzmark Posen-Westpreußen und den Kreis Zempelburg im neu geschaffenen Polen stellte für den Autor die mikrohistorische Basis für seine Studien der sich daraus entwickelnden Minderheitenprobleme dar. Er schöpfte seine Materialien aus Zeitzeugenbefragungen, Zeitungsberichten und Akten. Er untersuchte die Nationalstruktur in den Dörfern und Landgemeinden, die Zweisprachigkeit der Bevölkerung, das Miteinander, das sich bis weit ins 20. Jahrhundert an der Religionszugehörigkeit und nicht der Nationalität („Fährt der Nachbar am Karfreitag/Fronleichnam aufs Feld?“) orientierte und das Zusammenleben der Bevölkerungsgruppen in Vereinen und kommunalen Gremien. Der Kreis Flatow und die beiden Kreise nach 1920 standen nie im Zentrum der Ereignisse, vielmehr bildete hier die Historie von unten den Untersuchungsgegenstand. Während auch nach 1920 trotz Reibereien noch ein gemeinsames Gesellschaftsleben auf beiden Seiten der Grenze stattfand, leistete die verschärfte politische Lage ab 1930 der Intoleranz Vorschub und behinderte das Zusammenleben von Deutschen und Polen in beiden Kreisen. Die Diskussion zu diesem Thema war geprägt von Augenzeugen (z. B. Egon Seehawer) und Erlebnisberichten, die viele Anwesende einbringen konnten.

Der Diavortrag am Abend von Dipl.-Ing. Werner Hewelt „Das Danziger Stadtbild gestern und heute“ stellte in eindrucksvollen Bildern das alte Danziger Stadtbild gegen das heutige vor. Beeindruckend ist immer wieder die Häuserdichte bis 1945, die danach nicht mehr aufgebaut wurde. Ganze Häuserzeilen wurden ausgelassen, wodurch sich das Stadtbild, dokumentiert durch den Blick von der Marienkirche, stark verändert präsentiert. Hatte früher die Innenstadt keine Bäume, so prägen heute „grüne Breschen“ das Stadtbild. Werner Hewelt konzentrierte sich auf die heutige Altstadt, die Heimat seiner Kindheit. Dabei wurde das Ausmaß der Zerstörungen bei Kriegsende zum Ausgangspunkt des Wiederaufbaus. Der Einfluss der Geschichte und der Geographie an der Weichsel läßt sich am Stadtbild ablesen. So beruht die Krümmung der Langgasse auf dem Baugrund, einem Geröllkegel. Die Faszination Danzig spiegelte sich in den zahlreichen Nachfragen am Ende des Vortrags.

Der Abend klang wie am Tag zuvor im Kaminzimmer aus, wo sich die meisten Teilnehmer bei Bier und Wein zu einem Meinungs- und Erfahrungsaustausch zusammenfanden.

Den Sonntag eröffnete wiederum Stefan Hartmann: „Westpreußen zwischen 1918 und 1945.“ Damit schloss er auf der Makroebene an das Thema von Mathias Niendorf vom Vortag an. Er stellte das „Handbuch zur Geschichte Ost- und Westpreußens, Teil IV: Vom Vertrag von Versailles bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges 1918-1945“, Lüneburg 1997, vor, das den neuesten Forschungsstand dieser „intensiven Zeit“ darstellt und auch die polnische Forschung berücksichtigt. Er selber hat darin verschiedene Kapitel verfasst, die auch Grundlage seines Vortrags in Travemünde waren. Die Ergebnisse der Reichstagswahlen 1919 beeinflussten nicht die Entscheidungen bei den Friedensverhandlungen in Versailles, sondern die Schulstatistik von 1911, die die Nationalitätenverhältnisse verzerrt widerspiegelte, weil sie die von vorwiegend deutschen Kindern besuchten Höheren Schulen nicht erfasste. Die Schaffung der Freien Stadt Danzig ging auf den Einfluss Großbritanniens zurück, ebenso die Volksabstimmung in mehreren Landkreisen rechts der Weichsel. Nach stürmischen Anfangsjahren 1920 bis 1926 setzte eine „Ruhephase“ in den deutsch-polnischen Beziehungen ein, im Nachgang des Locarno-Abkommens, das aber zum Leidwesen Polens kein „Ost-Locarno“ nach sich zog. Die Phase des Umbruchs mit dem Aufbau des Hafens von Gdingen begann Ende der 1920er Jahre, erlebte mit dem Nichtangriffspakt 1934 noch eine kurze Unterbrechung, um sich dann bis 1939 auf beiden Seiten bis zur Kriegshysterie zu steigern. Pommerellen, der Teil Westpreußens, der 1920 als „Korridor“ zu Polen kam, wurde zu einer Woiwodschaft mit Sitz in Thorn zusammengefasst und im Großen und Ganzen in den Verwaltungsstrukturen wie zu deutscher Zeit belassen (21 Kreise). Erst 1938 wurde die Verwaltung umgebaut und die Hauptstadt nach Bromberg verlegt. Die Bevölkerung nahm trotz der Abwanderung vieler Deutscher auf Grund der Zuwanderung aus Zentralpolen um 100.000 Einwohner zu. Die Verwaltung folgte zentralistischen Strukturen und rekrutierte sich aus Zentralpolen. Von Anfang an verfolgte die polnische Politik eine Entdeutschungsstrategie geistiger und materieller Art. Schulpolitik, Grenzzonengesetz, Grundbesitzparzellierung und geänderte Erbgesetze sollten den Deutschen den Verbleib im polnischen Staat erschweren oder die Polonisierung beschleunigen. Gab es noch bis Ende 1920 eine große Anzahl deutscher Sejmabgeordneter, reduzierte sie sich radikal in den 1930er Jahren durch einen neuen Zuschnitt der Wahlkreise. Insgesamt wurde die politische Betätigung der deutschen Minderheit im Korridorgebiet stark erschwert, was sich auch an ihren Organisationsformen zeigte. Die Ausführungen von Stefan Hartmann machten die schwierige wirtschaftliche und politische Lage der Deutschen im Korridor deutlich, erfassten aber auch die Bemühungen der Polen, den durch die Korridorlage schwierigen Wirtschaftsraum zu erschließen und eine geordnete Verwaltung einzurichten. Auf Einzelfragen ging er in der Diskussion ein, die ausführlich und intensiv geführt wurde.

Die Abschlussdiskussion, moderiert von Hans-Jürgen Kämpfert, zeigte neben Kritik an einzelnen Beiträgen auch allgemeine Zufriedenheit mit Ablauf und Inhalt des Seminars, von dem sich alle Beteiligten eine Wiederholung im kommenden Jahr erhofften. Ur- und Frühgeschichte, ein Besuch Lübecks als einer mit Danzigs Architektur verwandter Stadt und eine Bibliographie Danziger und westpreußischer Literatur waren einige der Wunschthemen der Teilnehmer, und nicht zuletzt eine für die zumeist älteren Seminarteilnehmer einzurichtende längere Mittagspause. Mit einem Dank an die Organisatoren verabschiedete H.-J. Kämpfert die Teilnehmer auf den Heimweg.

Gisela Borchers