Der Westpreuße Unser Danzig

Beitrag aus DER WESTPREUSSE Nr. 2 – Februar-Ausgabe v. 07.02.2009:

Nachlese zur Leistikow-Ausstellung in Berlin
Buch und Bild bei Walter Leistikow aus Bromberg

 


Man wird es sicher eine sehr positive Überraschung nennen können, dass zum 100. Todestag des Bromberger Malers Walter Leistikow im Jahre 2008 diese Ausstellung in Berlin gezeigt wurde, aber als eine kleine Sensation habe ich es empfunden, dass aus dem gleichen Anlaß ein Roman von ihm wieder aufgelegt wurde.

Barbara Kämpfert hatte in DER WESTPREUSSE 11/2008 über Leben und Schaffen des 1865 in Bromberg geborenen Künstlers berichtet und auch auf die Ausstellung im Berliner Bröhan-Museum hingewiesen. Um es vorweg zu nehmen: die Ausstellung im Haus an der Schlossstraße in Berlin-Charlottenburg war ein Erlebnis! Das erste Stockwerk “gehörte” Leistikow; die 90 Exponate von Museen und privaten Leihgebern aus der ganzen Bundesrepublik und aus Bromberg (21!), Posen und Thorn gaben eine Übersicht über das Werk von Leistkow, wie man sie in dieser Reichhaltigkeit wohl selten gesehen hat. Dazu kamen noch einige Ausstellungsstücke, die nicht im Katalog verzeichnet waren. Die große Zahl der Besucher war eine erfreuliche Reaktion.

Beeindruckend waren die Ölbilder, z.T. großformatig bis zu vier Quadratmetern Fläche mit teils wunderschönen Rahmen, vorwiegend Bilder aus dem Grunewald und aus der Mark, aber auch aus Skandinavien, aus den Alpen, dem Riesengebirge, von Rügen und Meeresansichten. Leistikow hat wohl stets gegenständlich gemalt, gelegentlich aber mit impressionistischem Anklang, was ihm zu seiner Zeit auch Kritik einbrachte. Bilder aus Bromberg oder dessen Umgebung sucht man vergebens; er war eben der Maler der Mark: “Die einst als reizlos empfundene Umgebung Berlins erfährt durch ihn eine künstlerische und malerische Aufwertung....” heißt es im Vorwort des Katalogs; das hat sich für Leistikow zu seinen Lebzeiten sehr erfolgreich auch finanziell ausgewirkt.

Dennoch, eine Ausnahme gab es: außerhalb des Katalogs wurde in einer Vitrine der Entwurf eines “Ex libris” gezeigt, das die Stadtbibliothek Bromberg einst in Auftrag gegeben hatte. Leistikow zeigt auf ihm eine Stadtsilhouette des alten Bromberg, deutlich erkennbar, obwohl nur Teil des Gesamtentwurfs. Leider kam er dann nicht zur Ausführung.

Sehr überzeugend ist auch der zur Ausstellung gehörende Katalog: inhaltlich und äußerlich hervorragend gestaltet – im Großformat mit 239 Seiten. Mit sechs wissenschaftlichen Textbeiträgen wird zunächst Leben und Werk Leistikows dargestellt, insbesondere sein kurzes Leben von nur 43 Jahren erfährt eine ausführliche Würdigung, die Details enthält, die man sonst nicht so leicht erfahren kann. 88 Exponate der Ausstellung werden anschließend farbig abgebildet und nachgewiesen, auffallend die schönen Wald- und Seenlandschaften aus der Berliner Umgebung, die – so will es einem scheinen – natürlich auch aus der Umgebung von Bromberg hätten stammen können. Der Katalog enthält darüber hinaus eine Vielzahl weiterer Abbildungen, sowohl aus dem Privatleben des Künstlers und seinem Auftreten als Organisator und anerkannter und geschätzter Berufskollege, als auch aus seinem Schaffen auf den Gebieten der Graphik, des Jugendstildekors und sogar einige Entwürfe von Möbeln. Besonders interessant sind einige Abbildungen von Bildern, deren Original inzwischen verschollen ist.

Was wohl nur wenige wissen, ist die Tatsache, dass Walter Leistikow sich auch als Schriftsteller versucht hat. Im Jahre 1896 erschien in Berlin u. a. sein Roman “Auf der Schwelle”. Dieser Roman ist anlässlich seines 100. Todestages im Berliner Arzneimittel-Verlag nachgedruckt worden – eine absolute Rarität in unserer Zeit. Leistikow beschreibt den Lebensweg eines jungen Mannes von seiner Kinderzeit bis hin zu einem erfolgreichen Schriftsteller in Berlin. In der Kritik hieß es, dass manche Episoden aus dem Leben des Autors in dem Roman wiedererkennbar seien, das ist für mich kaum nachvollziehbar. Leistikow geht es in dem Buch um mehr als nur eine vordergründige Beschreibung. Hans Lürssen, so heißt der junge Mann, wächst mit seiner Mutter auf und hat eine starke Bindung zu ihr. Alleine in Berlin sucht er Halt und Orientierung bei Frauen, von denen er nicht recht weiß, ob er in Liebe oder in Freundschaft zu ihnen verbunden ist, es wohl auch nicht wissen will. Leistikow versucht nun in die Psyche aller dieser Menschen einzudringen, versucht ihre Beweggründe für ihr oft nicht unbedingt logisch zu nennendes Handeln darzustellen, beschreibt, wie sie sich innerlich quälen und doch nicht den Weg zu einem offenen Wort finden. Hans Lürssen zerbricht immer wieder an dieser Ambivalenz und gewinnt dann doch wieder die Kraft daraus zu neuer schriftstellerischer Tätigkeit

Ausstellung, Katalog und der Nachdruck des Romans “Auf der Schwelle” sind eine außerordentliche Bereicherung für die Darstellung und das Verständnis des Künstlers Walter Leistikow aus Bromberg. Es ist gleichermaßen erstaunlich und sehr erfreulich, daß so etwas heute nicht nur möglich ist, sondern professionell und erfolgreich in die Tat umgesetzt wird!

Hans-Jürgen Kämpfert