Der Westpreuße Unser Danzig

Beitrag aus DER WESTPREUSSE Nr. 5 – Mai - Ausgabe v. 02.05.2009

Das Massengrab in Marienburg

 


In der Februar-Ausgabe berichtete DER WESTPREUSSE über das im Schatten der Marienburg aufgefundene Massengrab und den damaligen Stand der Ausgrabungen und die Bergung der Gebeine. Ende Februar sollten die Grabungen – so lauteten die Nachrichten – abgeschlossen werden. Doch zunächst wurde die Bergung durch den Winter behindert und dann unterbrochen. Bald stellte sich heraus, dass immer neue Knochenfunde auf immer mehr Tote schließen ließen. Als ich am 27. März vor Ort war, stellte ich fest, dass noch immer bei Erdbewegungen menschliche Überreste gefunden wurden. An dem Tag warteten drei mit Knochen gefüllte Säcke auf ihre Verbringung in die Forensik zu Untersuchungen. Es war wohl das Grabungsergebnis der letzten Tage. Der Aufsichtsführende Leiter sagte, bis zu dem Tage hätten sie die Gebeine von 2.500 Menschen gefunden. Zwei Tage zuvor war dem deutschen Generalkonsul in Danzig die Opferzahl mit über 2.200 angegeben worden.

Der Fund wurde ausgelöst durch das Vorhaben einer Warschauer Hotelkette an dieser Stelle ein ihr von der Stadt verkauftes Grundstück zu bebauen: eine Vier-Sterne-Hotel. Inzwischen hat die Stadt sichergestellt, dass die Fundstelle nicht bebaut werden darf. Sie gab der Hotelkette ein Nachbargrundstück für das Hotelbauvorhaben. Auf der Fundstelle wird eine noch nicht näher festgelegte Gedenkstätte entstehen. Bisher ist nicht entschieden, wo die gefundenen Gebeine nach abgeschlossener forensischer Untersuchung ihre letzte Ruhestätte finden werden. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird dies nicht in Marienburg sein, sondern auf einer vom Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge betreuten Kriegsgräbergedenkstätte, möglicherweise in Danzig.

Ob je geklärt werden wird, ob, wann und auf welche Weise die Menschen zu Tode kamen ist sehr ungewiss. Unterlagen darüber gibt es nicht, es sei denn in russischen Militärarchiven. Bis Mai 1945 hatte die Rote Armee in Marienburg die Verwaltungsgewalt, danach polnische Behörden.

Die zuerst gefundenen Gebeine von 167 Personen wurden auf dem Marienburger Kommunalfriedhof beigesetzt. Man dachte zum Zeitpunkt der Beisetzung nicht daran, dass die Zahl der Toten durch weitere Ausschachtungen wachsen würde. Das Grab unterscheidet sich nicht von den anderen Gräbern auf dem Friedhof. Es ist weder größer noch sonst auffällig und befindet sich weit vom Friedhofseingang entfernt. Kein Hinweisschild weist den Weg dorthin. Auf dem Grab lag vor einem schlichten Holzkreuz ein Kranz des Volksbundes mit einer schwarz-rot-goldenen Schleife. Die Inschrift am Kreuz sagt in polnischer Sprache, dass in dem Grab Funde Namenloser aus einem Massengrab in Marienburg ruhen.

Hans-Jürgen Schuch