Westpreußen-Tag 2006
am 1. Oktober 2006 in Herford
(Rede des Bundesvorsitzenden Siegfried Sieg)

     

    Wir haben uns heute, der Tradition folgend, erneut wieder zusammengefunden, um unsere enge Verbundenheit mit unserer Heimat im Weichselland Westpreußen zu bekunden. Die Heimat lebt in uns, unvergessen, weiter. Wir bekennen uns zur Jahrhunderte alten Geschichte unseres Heimatlandes an der unteren Weichsel, die von unseren Vorfahren über mehr als 700 Jahre geprägt wurde. Sie haben das Land zu einer blühenden Kulturlandschaft im Osten Deutschlands gestaltet. Uns, den Nachgeborenen, den heute fern der Heimat Lebenden, geht es um die Wahrung dieses großen geschichtlich-kulturellen Erbes, dem wir uns auch weiterhin verpflichtet fühlen.

    Mit seinen überzeugenden Worten hat uns Herr Professor Stribrny vor Augen geführt, wie bedeutend dieses kulturelle Erbe, das “preußische Erbe”, für das Europa von heute ist. Das Erbe wirkt als Auftrag fort, wie es im Leitthema seiner Ansprache formuliert ist. Sehr geehrter Herr Professor Stribrny, ich bedanke mich sehr für Ihre klaren, überzeugenden Worte, die Sie mit Ihrer Rede an uns gerichtet haben. Ich erhoffe mir sehr, dass Ihre Ausführungen auch als ein in die Zukunft gerichtetes Signal hüben und drüben wahrgenommen und verstanden werden – vor allem auch von den verantwortlichen Politikern, in Deutschland wie auch in Polen.

    Leider muss festgestellt werden, dass das politische Klima zwischen Deutschland und Polen zur Zeit mehr durch Irritationen und Misshelligkeiten denn durch Einvernehmen und nachbarschaftliches Miteinander  gekennzeichnet ist. Vom Geist der Verständigung, von gut nachbarschaftlichen Beziehungen, wie sie im deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag von 1991 vereinbart wurden, ist gegenwärtig zwischen Warschau und Berlin nicht allzu viel zu verspüren. Im Gegenteil: Mit ihren politischen Aussagen verfallen die Brüder Kaczinski, der polnische Staatspräsident und der polnische Ministerpräsident, die höchsten Repräsentanten der im Amt befindlichen nationalkonservativen Regierung Polens, offenbar wieder in alte, längst überwunden geglaubte antideutsche Klischees.

    Was sollen die jüngst erfolgten Ankündigungen aus Warschau bedeuten, die deutsche Volksgruppe in Polen werde wichtige Schutzrechte verlieren? Bisher garantiert die Befreiung von der Fünf-Prozent-Klausel, dass die deutsche Volksgruppe im polnischen Parlament vertreten ist – derzeit mit zwei Abgeordneten. Diese minderheitenfeindlichen Aussagen haben zu einer starken Beunruhigung innerhalb der deutschen Volksgruppe in Polen, auch unter unseren hier anwesenden Landsleuten aus dem Heimatgebiet, geführt. Unsere Solidarität gilt Ihnen uneingeschränkt, liebe Landsleute aus der Heimat. Ministerpräsident Kaczinski hat zwar nachträglich auf einer europäischen Gipfelkonferenz in Helsinki diesen Vorstoß gegen die deutsche Volksgruppe als “Missverständnis” herunterzuspielen versucht. Aber warum werden dann überhaupt solche Aussagen gemacht, die das politische Klima zwischen Deutschland und Polen nur noch mehr beeinträchtigen? Bundesaußenminister Steinmeier (SPD) hat zu Recht den Schutz der Minderheiten eine “Brücke der Verständigung” genannt. Er hat mit dieser Aussage zugleich auch den deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag von 1991 zitiert und zur Vertragstreue gemahnt. Hoffen wir, dass aus dem (Anführungszeichen) “Missverständnis” bald wieder mehr “Verständnis”, sprich Verständigung zwischen beiden Regierungen, wird.

    Gleiches gilt für einen anderen Streitpunkt in den deutsch-polnischen Beziehungen. Unverständlich und nicht hinnehmbar bleiben die wiederholt geäußerten, leider auch teilweise polemischen Einlassungen aus Warschau gegenüber dem in Berlin geplanten Zentrum gegen Vertreibungen und gegen die derzeit laufende Berliner Ausstellung “Erzwungene Wege – Flucht und Vertreibungen im Europa des 20. Jahrhunderts”. Der Behauptung, mit dem Zentrum gegen Vertreibungen solle eine Umschreibung der Geschichte erfolgen, in der die Täterschaft des nationalsozialistischen Regimes verdrängt, hingegen die Opfer unter den Deutschen in den Vordergrund gestellt werden sollten, muss entschieden widersprochen werden. Bundespräsident Köhler hat am 2. September in Berlin auf dem “Tag der Heimat”, der in diesem Jahr unter dem Leitwort “Menschenrechte achten – Vertreibungen ächten” stand, mit Nachdruck klargestellt: (Zitat) “Keine ernstzunehmende Kraft in Deutschland will die Geschichte umschreiben, will Ursache und Wirkung verdrehen.” Der polnische Ministerpräsident hat diese Feststellung unseres Bundespräsidenten offenbar nicht zur Kenntnis genommen – er bezeichnete allein die Teilnahme des Bundespräsidenten an der Berliner Veranstaltung als (Zitat) “ein beunruhigendes Ereignis”. Der am diesjährigen Tag der Heimat in Berlin ebenfalls anwesende ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) hat hingegen die Worte des Bundespräsidenten gewürdigt und als (Zitat) “klug und einfühlsam” bezeichnet. Bundespräsident Köhler hatte in seiner Rede ausgeführt, dass angesichts von 15 Millionen Deutscher, die ihre Heimat verloren haben, gemeinsam mit den Nachbarn mehr über diese Geschichte gesprochen werden solle. Gemeinsame Erinnerungen, so betonte der Bundespräsident, eröffneten (Zitat) “Chancen für gegenseitiges Verständnis”. Und nur darum, füge ich hinzu, um diese Gegenseitigkeit im Verständnis, kann es im deutsch-polnischen Verhältnis gehen, wenn das Wort von der Verständigung keine hohle Phrase bleiben, sondern im Miteinander gelebt werden soll.

    Bundestagspräsident Lammert hat in der Diskussion um das Schicksal der Vertriebenen und um die geschichtliche Bewertung von Vertreibung in einem Interview mit der polnischen Zeitung “Fakt” mehr (Zitat) “Offenheit gegenüber der Geschichte” von Polen angemahnt. Er sagte weiter: (Zitat) “Die Menschen, die persönlich schuldlos Opfer politischer Entwicklungen, staatlich veranlasster Verirrungen und Verbrechen geworden sind, haben einen Anspruch darauf, in ihrem Schmerz, mit ihrem Schicksal nicht allein gelassen zu werden.” Hinzuzufügen ist, dass es im weiterführenden Verständnis dieser Worte darauf ankommen wird, den derzeit unterbrochenen Dialog mit unseren polnischen Nachbarn wiederaufzunehmen – und zwar in jener Offenheit, die Bundestagspräsident Lammert angemahnt hat, zu führen auf dem Boden der geschichtlichen Wahrheit. Wir, die Westpreußen, bekennen uns zu diesem offenen, der geschichtlichen Wahrheit verpflichteten Dialog. Wir führen den Dialog auf der örtlichen, auf der persönlichen Ebene ohnehin bereits seit längerer Zeit mit unseren polnischen Nachbarn - ganz besonders über unsere Heimatkreisgemeinschaften. Jeder von uns zeigt sich auf seinen Reisen in die Heimat gesprächsoffen und wirkt mit, Brücken zu den heute in der Heimat Lebenden zu bauen.

    Wir Westpreußen stehen zu dem Projekt, in Berlin ein Zentrum gegen Vertreibungen zu errichten. Die Landsmannschaft beteiligt sich an der Stiftung für dieses Zentrum und wirkt im Stiftungsgremium mit. Es bleibt zu hoffen, dass der Regierungserklärung von Bundeskanzlerin Merkel, in der sie im Hinblick auf das Zentrum von einem in Berlin zu schaffenden “sichtbaren Zeichen” sprach, nun bald Taten folgen werden und das Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin endlich Wirklichkeit werden kann. Mit der Ausstellung “Erzwungene Wege – Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts” im Kronprinzenpalais in Berlin wurde ein erster Schritt zu diesem Zentrum gemacht. Die öffentliche Resonanz gegenüber der Ausstellung ist groß, das Echo in den inländischen Medien überwiegend positiv – auch ein erster Schritt zu mehr öffentlichem Bewusstsein gegenüber dem lange Zeit vernachlässigten Thema.

    Unsere zentrale Kultureinrichtung, das Westpreußische Landesmuseum in Münster, besteht seit nunmehr über 30 Jahren. Darauf können wir stolz sein. Es dient der Wahrung von Geschichte und Kultur Westpreußens, der Sammlung und Erhaltung von kulturellen Zeugnissen aus dem Weichselland sowie deren Präsentation. Neben seinen vielen Ausstellungsaktivitäten im Drostenhof Schloss Wolbeck leistet das Museum mit seiner Außenstelle in Krockow bei Danzig einen weit anerkannten Beitrag in der grenzüberschreitenden Kulturarbeit. Die dunklen Wolken, die über unserem Museum in Münster schwebten, sind glücklicherweise geschwunden. Die rot-grüne Bundesregierung plante noch im letzten Jahr, unser Museum nach Lüneburg zu verlagern und dort mit dem Ostpreußischen Landesmuseum zusammenzuführen. Die neue Bundesregierung hat diese Pläne verworfen. Der Verbleib des Westpreußischen Landesmuseums am Standort Münster und damit auch die Eigenständigkeit unseres Museums wurden durch Kulturstaatsminister Bernd Neumann, aus Elbing stammender Westpreuße, bestätigt. Nun können wir mit unserer Kulturstiftung Westpreußen und mit Unterstützung durch die Bundesregierung den lange geplanten und dringend notwendigen Um- und Ausbau des Museumsgebäudes in Münster-Wolbeck beginnen und mit neuem Optimismus der Weiterentwicklung unserer wichtigen westpreußischen Kulturinstitution entgegenblicken.

    Der Blick in die Zukunft muss aber darüber hinaus auch der Fortsetzung der breitgefächerten Arbeit unserer Landsmannschaft Westpreußen selbst gelten. Um ihre finanzielle Sicherung zu betreiben, haben wir im letzten Jahr den “Zukunftsfonds Westpreußen” eingerichtet. Meinem Aufruf, dafür zu spenden, sind viele Landsleute und Freunde Westpreußens gefolgt. Dafür sei allen, die sich am Aufbau dieses Fonds beteiligt haben, an dieser Stelle ganz besonders gedankt. Neben der finanziellen Sicherung der landsmannschaftlichen Arbeit bedarf es dann aber auch noch der ehrenamtlichen Mitarbeit aus den Kreisen unserer Landsleute. Die Reihen unter uns haben sich gelichtet – das ist auch heute, am Westpreußen-Tag 2006, nicht zu übersehen Viele Angehörige der sogenannten Erlebnisgeneration sind aus der landsmannschaftlichen Arbeit ausgeschieden. Es fällt schwer, ausreichend Nachwuchs aus den Reihen der jüngeren, der nachwachsenden Generation zu gewinnen. Resignation soll dennoch angesichts der Lage nicht angesagt sein. Wir alle sind aufgerufen, mit unseren eigenen Möglichkeiten dazu beizutragen, dass unsere Heimat Westpreußen, seine Geschichte, seine Kultur gewahrt bleiben und nicht in Vergessenheit geraten. Auch wenn die Reihen sich lichten, rufe ich Ihnen zu:

    Halten wir an unserer Heimat Westpreußen in Treue fest!

    Schließen wir die Reihen enger!

    Stärken wir unseren Zusammenhalt!

    Bleiben wir Westpreußen, dem Erbe unserer Ahnen, weiter eng verbunden!

    Reisen wir in die Heimat, reden wir mit den dort lebenden Menschen!

    Bauen wir mit an den Brücken der Verständigung!

    Unser Nachbar Polen ist heute Mitglied der Europäischen Union. Damit ist auch unsere Heimat, das Weichselland, Bestandteil der Gemeinschaft der europäischen Völker und Staaten. Der Weg in die Zukunft heißt Europa. Folgen wir diesem Weg getreu dem Motto, das über diesem Westpreußen-Tag 2006 steht:

    “Der Heimat im Weichselland verbunden – die Zukunft Europas mitgestalten.”

     

    Siegfried Sieg, 1.10.2006