Der Westpreuße Unser Danzig

Beitrag aus DER WESTPREUSSE Nr. 5 – Mai - Ausgabe v. 02.05.2009:

Reise nach Bromberg
„Luftbrücke“ verkürzt Reisezeit

 


Auf dem ehemaligen englischen Militärgelände in Weeze am Niederrhein hat Tony Ryan für seine Billigflotte „Ryanair“ den „Airport Weeze“ etabliert. Meine Buchungsbestätigung verwendete als Ortsangabe Düsseldorf (Weeze), obwohl nach den eigenen Angaben der Fluggesellschaft Düsseldorf ca. 70 Kilometer von Weeze entfernt ist. Für „Nur einen Katzensprung von Düsseldorf“ (Werbespruch von „Ryanair“) kostet der Autobustransfer Düsseldorf-Flughafen Weeze-Düsseldorf 28 Euro pro Person. Der Transferbus startet um 7.30 Uhr in der Nähe des Düsseldorfer Hauptbahnhofes und erreicht den „Airport Weeze“ um 9 Uhr.

Am 30. März 2008 hat „Ryanair“ den Direktflug von Weeze nach Bromberg mit der Internetwerbung ab „2,99 Euro“ (!) für den einfachen Flug aufgenommen. Laut meiner E-Mail-Buchung am 24. 3. 2008 betrugen die Kosten für Hin- und Rückflug einschließlich Zusatzkosten 71,16 Euro. Auch wenn die Werbung die tatsächlichen Kosten verschweigt, ist dies immer noch ein preiswertes Unternehmen, zumal es erstmal möglich ist, nonstop nach Bromberg zu fliegen. „Ryanair“ fliegt viermal wöchentlich (Montag, Mittwoch, Freitag und Sonntag) jeweils um 10 Uhr von Weeze nach Bromberg. Die Flugzeit beträgt 85 Minuten. Diese Luftbrücke von Weeze nach Bromberg hätten die Flüchtlinge vor mehr als 63 Jahren nicht für möglich gehalten. So können meine Schwester Edeltraut und ich als gebürtige Bromberger in Düsseldorf lebend per Flugzeug in weniger als anderthalb Stunden in der Heimat sein.

Nach exakt 85 Minuten erreichte die Maschine den Flughafen Bromberg, wo schon im Zweiten Weltkrieg ein Fliegerhorst existierte, auf dem ein Onkel des Autors arbeitete. Es war schon ein erhebendes Gefühl, in der Flughafenhalle in englischer Sprache ein Plakat mit dem Spruch „Welcome to Bydgoszcz“ zu lesen. Wegen der wachsenden Zahl der Berufspendler nach Weeze und Schweden (Stockholm) soll der Flughafen Bromberg schnellstens ausgebaut werden.

Nach einem ersten Spaziergang durch Bromberg kehrten wir in das Café des Hotels „Pod Orlem“ früher „Adler“ ein. Nach einer Erholungspause sahen wir uns das 112 Jahre alte, im Jugendstil erbaute Hotel, welches völlig restauriert ist, besonders genau an, denn unser Großvater mütterlicherseits hatte dieses Hotel in den 20-er und 30-er Jahren gepachtet. Danach waren die Erzählungen unserer verstorbenen Mutter keine Legenden, wie zum Beispiel, dass von einer erhöhten Bühne im Speisesaal Kleinkunst, u.a. mit Varietékünstlern, geboten wurde. Unsere Mutter hat in ihrer Jugend oftmals den Proben der Künstler zugesehen. Erstaunlich war für uns, dass die in Rede stehende Bühne noch heute besteht und wieder benutzt werden könnte. Schon allein das antike Treppenhaus mit der farbenprächtigen Ausgestaltung vermittelt den Eindruck, nicht in einem Vier-Sterne-Hotel, sondern in einem Museum zu sein, wo die Zeit stehen geblieben ist.

Höhepunkt der Reise sollte der erneute Versuch der Besichtigung des Hauses mit der ehemaligen Wohnung unserer Eltern sein. Das Mehrfamilienhaus ist nach der plötzlichen Flucht vor mehr als 63 Jahren sanierungsbedürftig und hat auch auf dem Hof einige bauliche Veränderungen erfahren. Während unser Sandkasten demontiert wurde, stehen die Kirschbäume aus den Kindheitstagen noch. Bedauerlicherweise waren die polnischen Bewohner, wie schon vor zwei Jahren, auch diesmal nicht anwesend, so dass wir unsere einstigen Kinderzimmer nicht sehen konnten.

Im neuen Bromberger Café des Düsseldorfer Modehauses C & A kamen wir mit einer deutschsprachigen Bedienung ins Gespräch. Die 22-jährige Aushilfe hatte in Bromberg ein sechssemestriges Studium für die Sonderschule absolviert. Sie hatte dann ein Einstellungsangebot für den Schuldienst des Landes Baden-Württemberg erhalten. Als Bürgerin der Europäischen Union (EU) wollte sie sich gleich um eine Verbeamtung bemühen. Die wenigen Tage bis zur Dienstaufnahme jobt sie noch in dem Modehaus für nur fünf Zloty (PLN) täglich. Laut Umrechnungstabelle sind zwei Euro 5,82 PLN. Die junge Frau weiß, dass dies nur ein Hungerlohn ist und hofft auf ihre erste Besoldung als Lehrkraft in Euro.

Bromberg hat sich in den letzten Jahren zur Leichtathletik-Hochburg entwickelt. Im Juli 2008 fanden dort die Junioren-Weltmeisterschaften in Leichtathletik statt. Bromberg ist auch das stärkste Ruderzentrum Polens. In Bromberg hatte schon der Vater des Autors gerudert.

Nach einem Spaziergang durch Bromberg haben wir auf einer Bank am Altmarkt eine Pause
eingelegt. Plötzlich sprach mich ein Passant auf Deutsch an und erklärte, dass er im Flugzeug hinter mir gesessen habe. Im Gespräch erfuhr ich, dass er Berufspendler sei und vier Tage in einem Industriebetrieb in Düsseldorf arbeite und drei Tage bei seiner Familie in Bromberg lebe. Er freue sich über den neuen Direktflug. Sein Arbeitsplatz in Düsseldorf ist 930 Kilometer von seinem Wohnort entfernt. Nach diesem überraschenden Gespräch schaute ich mir noch die eindrucksvolle Sanierung der Häuser am Altmarkt an. Jedoch ganz in der Nähe, ebenfalls in der Altstadt, sieht das Straßenbild ganz anders aus: Gegenüber unserem Hotel befinden sich drei unbewohnte Schrottimmobilien im Jugendstil aus dem 19. Jh. Der Zustand dieser und vieler anderer Häuser ist für die Kunst- und Kulturstadt Bromberg unwürdig. Hier sollte der Magistrat im Einvernehmen mit der Denkmalspflege aus Mitteln der EU Darlehen für sanierungsfähige Immobilien zur Verfügung stellen, die nach Vorlage des Verwendungsnachweises durch den bauleitenden Architekten in Beihilfen umgewandelt werden können, weil offenbar für private Grundstückseigentümer keine EU-Fördermittel fließen. Dies müsste jedoch sehr schnell geschehen, bevor es zu spät ist. Nach mehr als 63 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg darf sich die Kulturnation Polen nicht ihrer Verantwortung entziehen, um ein Kulturgut wie die Jugendstilhäuser zu bewahren. Sie sind ein Juwel für den Charakter der Stadt und ein Blickfang für in- und ausländische Gäste. Es kann davon ausgegangen werden, dass ohne EU-Förderhilfe in Polen eine große Zahl Jugendstilimmobilien in Kürze abbruchreif sein werden.

Bei unseren Erkundigungstouren durch Bromberg konnten wir beobachten, dass die deutsche Wirtschaft in dieser Stadt erheblich investiert hat, so etwa im Einkaufszentrum am Focus Park. Vor der Rückfahrt zum Flughafen Bromberg nach einer Woche haben wir noch an einer Stadtführung per Pedes in Bromberg teilgenommen, die uns an unsere Kindheit erinnerte. Als ein tragisches Ereignis in der Familie möchte ich berichten, dass ein Bruder meiner Mutter kurz nachdem er die elterliche Wohnung verlassen hatte, im September 1939 Opfer des „Bromberger Blutsonntages“ geworden ist.    

Rudolf Teske