Beitrag aus DER WESTPREUSSE Nr. 07 – Juli-Ausgabe v. 05.07.2008:

Tagung in Marienwerder
Erste Vorstandssitzung in Westpreußen
 


Tagung in Marienwerder 007

Der Schloßeingang in Marienwerder, das sogenannte
Kalte Tor, links der Dom 
Foto: H.-J. Schuch

Vom 23. bis 25. Mai führte die Landsmannschaft Westpreußen für die deutsche Minderheit im Weichselland eine kulturhistorische Vortragsveranstaltung in Marienwerder durch. Delegierte aller im Heimatgebiet Westpreußen bestehenden deutschen Vereine waren eingeladen worden, insbesondere war auch Wert gelegt worden auf die Teilnahme Delegierter aus der jüngeren Generation. Fast der ganze Bundesvorstand der Landsmannschaft Westpreußen war aus diesem Anlass angereist und hatte sich im Vorfeld der Veranstaltung zu seiner ersten Sitzung im Heimatgebiet in Ottotschen bei Marienwerder getroffen. Hauptpunkt der Beratungen war das 60jährige Bestehen der Landsmannschaft im kommenden Jahr.

Der stellvertretende Bundesvorsitzende Hans-Jürgen Schuch begrüßte die Teilnehmer und eröffnete das gemeinsame Seminar von Landsmannschaft Westpreußen und deutschen Vereinigungen im Heimatgebiet. Er berichtete über die Gründung erster deutscher Vereinigungen in Westpreußen, die der deutschen Volksgruppe in der vormaligen Volksrepublik Polen nicht gestattet und erst seit 1990 zugelassen wurden. Eine Veranstaltung anläßlich des 15jährigen Bestehens deutscher Vereinigungen in Westpreußen vor drei Jahren konnte nicht stattfinden. Deshalb wird mit dem gemeinsamen Seminar auch das nunmehr 18jährige Bestehen deutscher Vereinigungen im Heimatgebiet gewürdigt. Für die Vorbereitungen in Marienwerder gilt insbesondere dem Vorsitzenden der Gesellschaft der Deutschen Minderheit „Vaterland“ in Marienwerder-Stuhm, Manfred Ortmann, der Dank der Landsmannschaft Westpreußen.

Gäste und Grußworte

Als Gäste wurden der Stellvertretende Bürgermeister der Stadt Marienwerder Piotr Halagera, die deutsche Generalkonsulin Ute Minke-Koenig aus Danzig und Helmut Kurowski, gleichzeitig Teilnehmer, aus Thorn als Stellvertretender Vorsitzender des Dachverbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG), Paul Sabiniarz als Vorstandsmitglied der Stiftung für die Entwicklung Schlesiens und Förderung lokaler Initiativen, zugleich Vorsitzender des Bundes der deutschen Minderheit in Danzig, sowie Günter Hagenau als Heimatkreisvertreter Marienwerder begrüßt.

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Der Bundesvorstand der LMW nach seiner ersten Vorstandssitzung in Westpreußen, in Ottotschen bei
Marienwerder: v. l. n. r. A. Fenske, H.-J. Kämpfert, S. Sieg, W. v. Schaewen-Scheffler,  H.-J. Schuch,
G. Borchers, M. Stender, R.
M
.W. Hanke   Foto: H.-J. Kämpfert

Das Veranstaltungsgebäude in Marienwerder schräg
gegenüber der Domburg  Foto: H.-J. Schuch



Es folgten Grußworte des Stellvertretenden Bürgermeisters und der Generalkonsulin, die die Städtepartnerschaft Celle-Marienwerder hervorhoben und die Leistungen der Landsmannschaft sowie der deutschen Volksgruppe und ihrer Vereinigungen würdigten. Minke-Koenig kündigte an, in wenigen Tagen Bundeskanzlerin Merkel in Danzig zu treffen. In einem weiteren Grußwort begrüßte Manfred Ortmann u.a. auch die anwesenden Deutschlehrer und Schüler eines Lyzeums in Marienwerder. Er hob die gute Zusammenarbeit der einheimischen Deutschen mit der Politik und Verwaltung sowie ein gutes Zusammenlebenden mit den polnischen Mitbürgern hervor. Der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft Westpreußen, Siegfried Sieg, wies in seinem Grußwort auf gemeinsame zurückliegende Veranstaltungen in Thorn, Elbing und Marienburg hin und betonte, daß am Vormittag die erste Bundesvorstandssitzung im Heimatgebiet stattgefunden hat. Der Bundesvorstand möchte mit dieser Veranstaltung in Marienwerder auch Anregungen für eigene kulturhistorische Veranstaltungen geben. Er verwies auf die vielfältigen Beiträge zu verschiedensten Themen und die Möglichkeiten zu Gesprächen und zum Kennenlernen anläßlich der Begegnung am Samstagabend in Ottotschen.

Vorträge:

Stadtgeschichte, deutsche Vereine und Naturwissenschaftler

Dr. Justyna Liguz vom Kulturzentrum in Marienwerder sprach auf Polnisch über die Situation in der Stadt Marienwerder von 1945 bis 1947. Der Vortrag wurde durch zwei ältere deutsche Filme über die Stadt Marienwerder und das Land an der unteren Weichsel sowie über den Bau der Guderianbrücke im Jahr 1944 abgerundet. Den deutschsprachigen Teilnehmern standen Übersetzungen des Vortrages zur Verfügung. Dr. Liguz berichtete anhand von Quellen aus den Archiven in Marienwerder und Allenstein. Die Deutschen seien bei Kriegsende nahezu vollständig vor den herannahenden Russen geflüchtet. Es kam zu erheblichen Zerstörungen und Plünderungen durch die Soldaten der Roten Armee. An den Plünderungen nahmen auch Polen teil, die jenseits der Weichsel beheimatet waren. Marienwerder wurde zur Lazarettstadt der Roten Armee.

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V. l. n. r.: Hans-Jürgen Schuch, Manfred Ortmann,
Pjotr Halagera, Ute Minke-König und Siegfried Sieg

Fotos: H.-J. Kämpfert

Blick in den Vortragssaal, vorn am Tisch die Damen v. Schaewen-Scheffler und Borchers vom Bundesvorstand der LMW und HKV Hagenau



Helmut Kurowski aus Thorn überbrachte Grüße des VdG-Vorsitzenden Heinrich Kroll und sprach als dessen Stellvertreter über die „Aufgaben und Möglichkeiten zur Festigung der Deutschen Minderheit in Polen, besonders am Unterlauf der Weichsel“. Er referierte über Entwicklung und Strukturen des VdG. Er skizzierte die deutsche Volksgruppe und ihre Vereinigungen als offen und gastfreundlich, an deren Veranstaltungen auch polnische Mitbürger teilzunehmen eingeladen sind. Er verwies auf die Brückenfunktion der deutschen Volksgruppe und hob die Außenwirkung insbesondere kultureller Veranstaltungen wie Kulturfestivals und Auftritte kultureller Gruppen wie die des Eichendorff-Chores in Ratibor hervor. Die Jugend hat mit dem Bund der Jugend der Deutschen Minderheit (BJDM) einen eigenen Dachverband und ein Jugendforum. Die Öffentlichkeitsarbeit und verbandsinterne Informationen werden sowohl durch die wöchentlich erscheinende zweisprachige Zeitung „Schlesisches Wochenblatt“, das in Oppeln erscheint, als auch durch kleinere Zeitungen der regionalen und örtlichen Verbände gestaltet und verbreitet. Das in Allenstein monatlich erscheinende Heft „Ermland und Masuren“ berichtet auch über die der Woiwodschaft angehörenden westpreußischen Gruppen, z.B. Elbing. Der VdG und seine Gesellschaften veranstalten Schulungen und Sprachwettbewerbe für die Jugend, die in Oberschlesien und im südlichen Ostpreußen zahlenmäßig stärker und aktiver ist. Kurowski rief daher zu verstärkten Aktivitäten der deutschen Vereinigungen in Westpreußen zur Stärkung der Jugendarbeit auf. Aus- und Fortbildung müssen für eine echte Perspektive der deutschen Jugend sorgen. Er erläuterte auch die schwierige Finanzlage. Sowohl die deutsche als auch die polnische Regierung fördern die deutsche Volksgruppe, jedoch erhält sie weniger Geld pro Kopf ihrer Mitglieder als andere Minderheiten in Polen. Zur besseren Vertretung sei ein Dachverband sinnvoll.

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Die Gesangs- und Tanzgruppe schafft Stimmung und gute Laune nach einem anstrengenden
Arbeitstag.
In froher Runde vereint: Die Tagungsteilnehmer während des Gemeinschaftsabends
Fotos: H.-J. Schuch



In der anschließenden Diskussion beklagte Ursula Wirkus aus Konitz das Nichterteilen von Staatsangehörigkeitsausweisen durch das Bundesverwaltungsamt in Köln für Mitglieder der deutschen Vereinigungen als eines der Hemmnisse für die Vereinsarbeit. Die Jugend wäre motivierter, wenn ihre Mitglieder auch offiziell von der Bundesrepublik als Deutsche anerkannt würden. Rafael Glabikowski vom BJDM Danzig stellte dann die dortige Jugendgruppe und deren Aktivitäten vor.

In einem weiteren Vortrag stellte Paul Sabiniarz aus Danzig die „Tätigkeit der Stiftung für die Entwicklung Schlesiens und Förderung lokaler Initiativen unter besonderer Berücksichtigung des Heimatgebietes Westpreußen“ vor. Er überbrachte Grüße des Vorsitzenden der Stiftung, Henryk Juretko. Die Stiftung wurde im Jahr 1992 von der Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaft in Oppeln gegründet. Bis zum Jahr 2005 wurden die bundesdeutschen Fördergelder über Mittlerorganisationen ausgezahlt. Ab 2006 durfte die Stiftung selbst über die Rückflussmittel aus Krediten verfügen. Zu den Aufgaben der Stiftung zählen: Finanzierung von Jugendprojekten, Wirtschaftshilfe, Aus- und Fortbildung (Projekte der Wirtschaftskammer), humanitäre Maßnahmen über die Wohltätigkeitsgesellschaft mit Sitz in Oppeln (für individuelle Hilfen bestehen sehr hohe Anforderungen), Verbandsführung (Beihilfe zu den Mietkosten und zur Renovierung von Kulturhäusern, das Haus der deutsch-polnischen Zusammenarbeit in Gleiwitz, Veranstaltung von Senioren- und Kinderausflügen sowie Sommerferienlager für Kinder mit Deutschunterricht). Die deutsche Volksgruppe erhält aus den Geldern der Stiftung jährlich 20 Mio. Zloty und vom Auswärtigen Amt über das Generalkonsulat ausschließlich Fördermittel für Deutschunterricht und kulturelle Veranstaltungen. Da diese Mittel sehr knapp sind, müssen jedes Jahr zusätzlich 7% eingespart werden, was die Arbeit der deutschen Vereinigungen erheblich einschränkt und bereits zur Schließung erster deutscher Kulturhäuser und Begegnungsstätten geführt hat. In Westpreußen haben die Einsparungen u.a. dazu geführt, daß der Bund der Deutschen Minderheit in Danzig zwei Räume abgeben und die Begegnungsstätte seines Ortsverbandes in Wierschutzin geschlossen werden musste. Die Stiftung hat sich mit ihrer Arbeit einen guten Ruf erworben und verwaltet deshalb seit einiger Zeit auch fremde Gelder, z.B. von der Woiwodschaft und den Kommunen. Deshalb konnten Personalkosten eingespart werden.
 

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Siegfried Sieg, Bundesvorsitzender der
Landsmannschaft Westpreußen, bei seinem Schlußwort
Günther Hagenau, Heimatkreisvertreter von Marienwerder
Fotos: H.-J. Schuch



Zum Abschluß des ersten Tages hielt Hans-Jürgen Kämpfert, Stellvertretender Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Westpreußen, einen sehr lebendigen Vortrag mit Lichtbildern über bekannte Naturwissenschaftler aus Westpreußen. Er hob die Leistungen der westpreußischen Naturwissenschaftler für ganz Europa im Laufe von etwa 750 Jahren hervor und verwies auf die seinerzeitige europäische Zusammenarbeit, da vom 14. bis 16. Jahrhundert Latein verbindende Sprache für alle Wissenschaftler war. Er referierte über die Lebensläufe und Leistungen von Nicolaus Copernicus (*1473 in Thorn) als Astronom, Jurist, Arzt und Domherr, Philipp Clüver (* 1580 in Danzig) als Geograph und Begründer der historischen Länderkunde, Peter Crüger (* 1580 in Königsberg) als Lehrer am Danziger Akademischen Gymnasium, dessen Schüler, den Astronomen Johannes Hevelke (Hevelius) (*1611 in Danzig), Adam Wybe (Wiebe) aus Harlingen/Zuidersee: Wasser- und Festungsbau, die aus Breslau stammende Ärztefamilie Johann Georg und Johann Adam Kulmus („Anatomische Tabellen“ von 1772), Daniel Gabriel Fahrenheit (*1686 in Danzig), Christoph Michael Hanow aus Pommern als Lehrer am Danziger Akademischen Gymnasium (Preußische Münze und ständige Temperaturmessungen), Daniel Gralath (*1708 in Danzig) als Privatgelehrter und Mitbegründer der Danziger Naturforschenden Gesellschaft und Ratsherr in Danzig (Geschichte der Elektrizitätslehre), Nathanael Matthäus von Wolf (* 1724 in Konitz) und dessen Einführung der Blatternimpfung in Danzig und Stiftung einer Sternwarte auf dem Bischofsberg, Johann Reinhold Forster (* 1729 in Dirschau) Pastor in Nassenhuben und dessen Expedition mit Sohn Johann Georg Forster (* 1754) und Seefahrer James Cook, Ernst Dircksen (*1830 in Danzig) Eisenbahningenieur: Dirschauer Weichselbrücke und Berliner Ringbahn, Gustav Radde (* 1831 in Tiegenhof) Apotheker in Danzig und dessen Expeditionen nach Asien, Emil von Behring (* 1854 in Hansdorf, Kr. Rosenberg) Prof. in Halle und Marburg und Gründer der Behring-Werke, (1901 Nobelpreis für Medizin), Hugo Conwentz (* 1855 in Danzig) als Geograph, Biologe und Archäologe, Begründer des Naturdenkmalschutzes in Preußen, Walther Nernst (* 1864 in Briesen) Begründer der Physikalischen Chemie, Nobelpreis für Chemie 1920 (Thermodynamik), Abraham Esau (* 1884 in Tiegenhagen) Elektrik und Ultraschallwellen, Kurt Tank (* 1898 in Bromberg) Flugzeugkonstrukteur, Chefkonstrukteur bei Focke-Wulf, Adolf Butenandt (* 1903 in Bremerhaven) Prof. für Chemie an der TH Danzig von 1933 bis 1936, Nobelpreisträger, Wernher von Braun (* 1912 in Wirsitz) Raketenforscher.

Kulturgeschichte,

Verkehrswege, Goerdeler

Bundesvorsitzender Siegfried Sieg sprach am Samstag zur „Kultur und Kunst aus Westpreußen - Bedeutende Beiträge zur gesamtdeutschen und zur europäischen Kultur“. Erste Stadtgründungen im frühen 13. Jahrhundert waren wesentliche Ausgangspunkte für die geschichtliche und kulturelle Entwicklung des Landes am Unterlauf der Weichsel. Noch heute begegnen dem Reisenden mit den Silhouetten der Städte steinerne Zeugen der ins Mittelalter zurückreichenden Kultur in Gestalt von eindrucksvollen Burgen, Kirchen, Domen und Klöstern und von ebenso prächtigen Rat- und Bürgerhäusern, Schlössern und Herrensitzen. Neben Danzig als reicher Handels- und Hansestadt sind zwei weitere hervorgehobene Kulturstätten in Westpreußen zu nennen: Die Marienburg an der Nogat, einst Sitz des Hochmeisters des Deutschen Ordens, und die Altstadt von Thorn, die im Jahr 1997 in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen worden sind. Sieg zeigte Lichtbilder von der Marienburg und der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Marienfigur, die in einer Nische auf der Ostseite der Schloßkirche stand. Gezeigt wurden Bilder der Thorner Altstadt, in der es eine ähnlich hochrangige Mariendarstellung gab: Die Thorner Madonna, die „als schöne Madonna des weichen Stils“ durch jugendlichen Liebreiz besticht. Diese Figur ist bei Kriegsende verschwunden. In der Danziger Marienkirche ist eine „Danziger Madonna“ ebenfalls vom Typus der „Schönen Madonnen“ um ca. 1420 bis 1425 entstanden. Als bedeutendstes Kunstwerk Danzigs galt das Altarbild „Das Jüngste Gericht“ von Hans Memling, bis kurz vor Kriegsende in der Danziger Marienkirche. Im Jahr 1557 erhielt Danzig die Religionsfreiheit mit dem lutherischen Bekenntnis. Zu diesem Zeitpunkt wurden kostbare Messgewänder eingemauert, die in Vergessenheit gerieten und erst in den Jahren 1861 bis 1864 wiederentdeckt wurden. Diese Messgewänder werden heute im St.-Annen-Museum in Lübeck aufbewahrt und z.T. ausgestellt. Im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg werden wertvolle westpreußische Kunstgegenstände wie eine Schrein-Madonna aus dem Kulmer Land ausgestellt. Weitere Schrein-Madonnen befinden sich im Diözesan-Museum in Pelplin. Sieg zeigte weiter exemplarisch Darstellungen westpreußischer Städte und Landschaften in der Malerei und in der Graphik vom 18. bis 20. Jahrhundert anhand von Lichtbildern. Er verwies auf die zahlreichen Sonderausstellungen des Westpreußischen Landesmuseums in Münster-Wolbeck mit Werken namhafter Künstler aus Westpreußen wie Daniel Chodowiecki, Berthold Hellingrath oder Paul Emil Gabel. Im Jahr 2005 wurden dort in Kooperation mit dem Nationalmuseum in Danzig Werke namhafter Danziger Künstler wie Friedrich Eduard Meyerheim, Johann Carl Schultz, Michael Carl Gregorovius und Wilhelm August Stryowski gezeigt.  Die Gemälde gehören zu den reichen Beständen aus dem ehemaligen, im Jahr 1873 gegründeten Danziger Stadtmuseum. Sieg begrüßte die Normalisierung im grenzüberschreitenden Kulturaustausch zwischen der Republik Polen und der Bundesrepublik Deutschland. Der Bundesvorsitzende betonte, daß Wahrung des kulturellen Erbes nicht nur das Verwahren, sondern auch das Vorzeigen beinhaltet. Polen hatte mit der Verwaltung der deutschen Gebiete jenseits von Oder und Neiße auch deutsche Kulturgüter übernommen, die über einen Zeitraum von mehr als sieben Jahrhunderten entstanden sind und eine große Verpflichtung für eine Kulturnation darstellen wie es der polnische Germanist und Publizist Jan Jozef Lipski bereits 1981 anerkannte: „Wir sind gegenüber der Menschheit Verwahrer dieses Erbes. Das verpflichtet uns, diese Schätze mit vollem Bewusstsein, das wir ein Erbe deutscher Kultur behüten, ohne Lügen und ohne Verschweigen für die Zukunft zu bewahren, auch für die unsere.“ Siegfried Sieg würdigte diesen Geist der Verständigung, der abzielt auf ein Europa des Miteinanders der Völker in ihrer gesamteuropäischen Kulturtradition.

Bundeskulturreferent und Diplom-Geograph Reinhard M.W. Hanke (Berlin) referierte über das Thema  „Die Verkehrswege zu beiden Seiten der unteren Weichsel in Vergangenheit und Gegenwart – insbesondere die Wasserstraßen seit dem Ende des 18. Jahrhunderts“. Anhand von Karten erläuterte der Referent eingangs die verkehrsgeographischen Verhältnisse Westpreußens am Beispiel der wichtigeren Verkehrsträger Straßen, Wasserstraßen und Eisenbahnen und ihre Bedeutung für den Durchgangsverkehr der Nachbargebiete und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Der Gewichtung dieser Verkehrsträger im heutigen Verkehrssystem wurde ein weiterer Abschnitt des Vortrages gewidmet. Mit Grafiken wurden die historische und technische Entwicklung der Verkehrsträger, ihre Vor- und Nachteile im heutigen Verkehrssystem dargestellt. Die Wasserstraßen östlich von Oder und Neiße sind den Anforderungen einer modernen Binnenschifffahrt nicht gewachsen, so verfügt Polen über keine leistungsstarken Binnenschifffahrtswege. Für die im europäischen Maßstab nicht konkurrenzfähigen 400-t-Kähne sind gegenwärtig schiffbar: Die Weichsel von Danzig bis Warschau und über den Zeran-Kanal (1963) bis zum neu angelegten Bug-Narew-Stausee (Zalew Zegrzynski), die Oder mit dem Gleiwitzer Kanal, die Weichsel-Oder-Verbindung (über den Bromberger Kanal und die Netze) und der Unterlauf der Warthe bis Posen. Polen ist also ein Außenseiter im europäischen Binnenschiffsverkehr (1995 und 2005 Tonnage-Anteil am Güterverkehr jeweils nur 0,7 % bzw. 0,3 % und 0,6 % nach t-km). Die  etwa 1000 zum Großteil veralteten Binnenschiffe der polnischen Großreederei Odatrans (sie erwarb 2003 die Aktienmehrheit bei der Deutschen Binnenreederei und dirigiert ihre westlichen Verbindungen von Berlin aus) waren 400 bis 1000 t groß (deutsche Binnenschiffe sind 2000 – 27000 t groß). Der Referent gab anhand von Karten und Grafiken einen Überblick über die Wasserstraßen in Westpreußen, nämlich Weichsel, Drewenz, Oberländischer Kanal und Bromberger Kanal. Die weiteren Ausführungen mussten sich dann aus zeitlichen Gründen auf die Darstellung der Weichselverhältnisse beschränken. Dargestellt wurden einleitend die geschichtliche Entwicklung und die Organisation  der Weichselschifffahrt im Staat des Deutschen Ordens, das mittelalterliche System von Stapelrecht und Zoll, die Weichsel als Getreideversorgungsstraße, die wirtschaftliche Abhängigkeit der großen Städte Thorn, Kulm, Graudenz, Elbing, Danzig usw. von der Weichsel, der Strukturwandel bei den zu transportierenden Gütern (Getreide, Holz, Baustoffe), die Entwicklungen im Königreich Preußen und im Deutschen Reich, die Vernachlässigung der mittleren Weichsel als Schifffahrtsstraße unter russischer Herrschaft bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Ein besonderes Kapitel wurde der Darstellung der verschiedenen Schiffstypen wie Weichselkahn, Dubas, Komegge, Büke und den Holzflößen der bekannten Flissaken gewidmet. Abschließend  wurde die Bedeutung bzw. Nicht-Bedeutung der Weichsel-Schifffahrtsstraße im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert am Beispiel des „Weichsel-Programms“ erläutert, das die Weichsel auch als Energie-Lieferant (Wasserkraftwerke) und Trinkwasserreservoir entwickeln wollte. Nur ein Teil der ehrgeizigen Pläne wurde verwirklicht. In der Konkurrenz der verschiedenen Verkehrsträger untereinander werden die Binnenwasserstraßen im Land an der unteren Weichsel wie in Gesamt-Polen auch in Zukunft eine nur sehr kleine Rolle spielen.

Anschließend hielt der Stellvertretende Bundesvorsitzende Hans-Jürgen Schuch einen Vortrag über den Widerstandskämpfer Carl-Friedrich Goerdeler, die Familie Goerdeler und Marienwerder. Schuch sprach zunächst über die Zielsetzungen einzelner Widerstandskreise und die Entwicklung der Idee zum „Tyrannenmord“. Goerdeler hat aus religiösen Gründen einen solchen Mord abgelehnt. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 in der Wolfsschanze bei Rastenburg wurde nach Goerdeler, der zum engsten Kreis gehörte, als Teilnehmer an der Verschwörung gefahndet. Bei einem erfolgreichen Verlauf des Attentates wäre Goerdeler evt. Reichskanzler geworden. Schuch berichtete weiter aus dem Leben des Carl-Friedrich Goerdeler und von dessen Familie. Der Vater Julius war zunächst Amtsrichter in Karthaus und Schneidemühl. Er wechselte nach Marienwerder, wo der Sitz der öffentlich-rechtlichen Bodenkreditanstalt „Westpreußische Landschaft“ war, und wurde Landtagsabgeordneter. Carl-Friedrich Goerdeler war 2. Bürgermeister in Königsberg und Oberbürgermeister in Leipzig, gleichzeitig Reichskommissar für Preisüberwachung. Im Jahre 1935 trat er wegen Auseinandersetzungen mit der NSDAP-Kreisleitung als Oberbürgermeister der Stadt Leipzig zurück, obwohl er im Jahr 1934 erst für weiter 12 Jahre gewählt worden war. In den Jahren 1937 – 1939 ermöglichten die Industriellen Krupp und Bosch Geschäftsreisen ins Ausland, die ihm einen anderen Blick von außen auf das Deutsche Reich und seine politische Führung eröffneten. Sein Bruder Fritz Hermann Goerdeler war von 1920 bis 1933 Bürgermeister der Stadt Marienwerder. Carl-Friedrich Goerdler appellierte in seiner März-Denkschrift von 1943 an Offiziere zum Umsturz. Er versteckte sich dann nach dem Haftbefehl auf dem Lande, wurde in Konradswalde entdeckt und verhaftet. Das Todesurteil wurde in Berlin-Plötzensee vollstreckt. Der Bruder Fritz Hermann wurde zwei Monate später hingerichtet, und der Bruder Dr. med. Gustav Goerdeler überlebte den Krieg im KZ in Südtirol.

Stadtführung

Nach der Mittagspause wurden Führungen durch Schloß und Dom zu Marienwerder angeboten. Zur Einführung berichtete Dr. Liguz über jüngste Grabungen im Fußboden des Presbyteriums, die zwar für Archäologen einige interessante Funde, aber keine wesentlichen Erkenntnisse gebracht haben. Die Teilnehmer besichtigten in zwei Gruppen Teile des Schlosses und den Dom mit der Klause der Dorothea von Montau und der Groeben-Kapelle. Die gewaltigen Bauwerke aus dem 14. Jahrhundert beeindruckten sehr. Als Abschluß war ein kleines Orgelkonzert im Dom zu hören.

Vorträge

Industrie und Landwirtschaft

Zu Beginn der Fortsetzung der Vortragsveranstaltung begrüßte der vorzeitig von einer Reise zurückgekehrte Bürgermeister Andrzej Krzysztofiak von Marienwerder die Teilnehmer, verwies auf die sehr gute 15jährige Partnerschaft mit der Stadt Celle, hoffte auf noch bessere Zusammenarbeit in Zukunft und lud herzlich zu einer Wiederholung gemeinsamer Veranstaltungen ein.

Der Stellvertretende Bundesvorsitzende Hans-Jürgen Schuch sprach dann über „Die Industrialisierung der Provinz Westpreußen vor 1945“. Westpreußen wird im allgemeinen als Agrarland gesehen, hatte aber daneben ein großes Potential an Industriebetrieben. Neben der Errichtung der Großen Mühle in Danzig durch den Deutschen Orden (1350), die als ältester Industriebetrieb in der Provinz für 600 Jahre (bis März 1945) industrielle Mehlproduktion steht, gab es auf Grund des reichlichen Zuckerrübenanbaues eine umfangreiche Zuckerproduktion, u.a. in Altfelde, Kulmsee, Marienburg, Melno, Nakel, Neuteich, Pelplin, Riesenburg, Schwetz, Tiegenhof. Im Erntezeitraum 1890/91wurden in Westpreußen 12 Mio. Zentner Rüben verarbeitet und bis zum Jahr 1912/13 mit 23. Mio. Zentnern nahezu verdoppelt.

Ende des 19. Jh. gab es 18 Zuckerfabriken in Westpreußen, 1943/44 nur noch 11 Fabriken, da die Anbaufläche zurückgegangen war. In Kulmsee war vor dem Ersten Weltkrieg der größte Betrieb nicht nur in Westpreußen, sondern in ganz Europa. Daneben gab es bedeutende Brauereien in Danzig, Elbing, Bromberg, unzählige kleinere Hausbrauereien und die bekannte Spirituosenfabrik Winkelmann in Pr. Stargard. Von den zahlreichen vom Vortragenden genannten Branchen sind Motoren und Maschinen, Schiffsbau, Flugzeugwerke, Automobilfabrik, Holzindustrie und Zigarrenfabrikation zu nennen. Im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Elbing im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl die größte Industriestadt Westpreußens, wobei vor allem die Firmen Schichau, Komnick und Löser & Wolff zu nennen sind. Auf die Entwicklung der Schichau-Werke ging Schuch detailliert ein. Abschließend ist festzustellen, daß Westpreußen neben all seinen Industriebetrieben auch ein Land des Handels (Hanse!) war.

Begegnungsabend

Im Anschluß an den Vortrag fuhren die Teilnehmer gemeinsam zur „Kulturellen Begegnung in Ottotschen mit offiziellen Gästen und Mitgliedern des deutschen Vereins in Marienwerder“. Der Vorsitzende der Gesellschaft der Deutschen Minderheit „Vaterland“ in Marienwerder-Stuhm, Manfred Ortmann, hatte die Begegnungsveranstaltung vorbereitet. Der fröhliche Abend, der alle Anwesenden bei reichlichem Abendessen, gemeinsamen Gesang, Musik- und Tanzdarbietungen im herzlichen Miteinander einte, bot reichlich Gelegenheit zum Kennenlernen und gegenseitigen Informationsaustausch. Ein lautstarker Frauenchor mit Gitarrenbegleitung sorgte mit viel Temperament für Stimmung, für die jüngere Generation spielte eine Band zum Tanz auf.

Vorträge

Baukunst

Der Sonntag begann mit einem Vortrag von Prof. Dr. Christofer Herrmann aus Allenstein, Professor für Kunstgeschichte an der Universität in Danzig, zum Thema „Kloster und Burg. Die Baukunst des Deutschen Ordens und der Bischöfe im Preußenland“. Der Vortragende ist Verfasser mehrerer Bücher und Reiseführer zum Burgenbau im Ordensland. Kürzlich ist seine 816 Seiten starke Habilitation „Mittelalterliche Architektur im Preußenland“ in einer Auflage von 600 Exemplaren im Artes-Verlag veröffentlicht worden. Bei der Eroberung und darauffolgenden Besiedlung des Landes am Unterlauf der Weichsel durch den Deutschen Orden kam dem Bau der Burgen besondere Bedeutung zu. Die geographische Lage hatte immer mit militärisch-strategischen Aspekten zu tun und wurde daher sorgfältig durchdacht. Bei der Errichtung einer Burg durch den Deutschen Orden, die Bischöfe oder die Domkapitel folgte man einem bestimmten Bautypus. Sie wurden als vierflügelige Kastelle meist auf quadratischem Grundriß nach Möglichkeit in der Nähe eines Flusses und auf einer Erhebung angelegt. Davor befand sich die Vorburg mit Wirtschaftsgebäuden, den Stallungen und Wohnungen. Die Burganlagen in Mewe, Gollub und das Hochschloß der Marienburg verdeutlichen bis heute dieses Schema.

Wenn es in der Verfassung des Deutschen Ordens (Deutschordensregel) auch keine Bestimmungen über die Baulichkeit der Ordenshäuser gab, waren doch grundsätzlich folgende Räume vorgesehen: Kirche, Kapitelsaal, Remter (Refektorium), Dormitorium, Firmarie, Komturswohnung und Dansker. Klöster (Klosterburgen) hatten Eigenheiten gegenüber den Ordensburgen. Eine Besonderheit bildet auch der Hochmeisterpalast der Marienburg, die als Hochmeistersitz mit viel Komfort und Neuheiten ausgestattet wurde. Von den zahlreichen Burgen im Preußenland, die man heute noch in unterschiedlicher Größe und Erhaltenszustand findet, waren etwa ein Drittel Konventsburgen. Zu weiterer Vertiefung in das interessante Thema empfahlen sich die ausliegenden Veröffentlichungen von Prof. Herrmann.

Museum Krockow

Dr. Magdalena Sacha, Krockow, berichtete über „Aufgaben und Ausstellungen in der Außenstelle des Westpreußischen Landesmuseums Münster in Krockow/Putzig“, die im Jahr 1999 gegründete wurde. Das Schloß Krockow wurde unter Beteiligung der Grafen Krockow als kaschubische  Begegnungsstätte wiederhergestellt. Es liegt nur wenige Kilometer von der ehemaligen „Korridor-Grenze“ entfernt und beherbergt Hotel, Restaurant und Museum. Das Museum nennt sich „Regionalmuseum Krockow“ und steht seit September 2005 auch unter Aufsicht des Nationalmuseums Danzig. Dr. Sacha schilderte die Aufgabe des Museums im Hinblick auf die Ansprüche der Besucher, z.B. die erforderliche Akzeptanz bei den Dorfbewohnern, Urlaubsgästen der nahegelegenen Ostseebäder, Besucher aus Deutschland oder Skandinavien. Die ethnographische Dauerausstellung „Krockow damals und heute“ zeigt Volkskunde aus der Nordkaschubei (Bilder, Möbel, Geräte). Außerdem werden Sonderausstellungen des Westpreußischen Landesmuseums Münster-Wolbeck, Kunstausstellungen oder Schulprojekte dargeboten. Das Museum ist von Mai bis Mitte Oktober i.d.R. täglich geöffnet. Es werden Führungen durch das Schloß und den Park angeboten.

Bilanz

Vor Abschluß der Kulturhistorischen Vortragsveranstaltung würdigte Hans-Jürgen Schuch das Erscheinen der zahlreichen offiziellen Vertreter aus Bezirk und Stadt Marienwerder – darunter auch der Sejmabgeordnete Jerzy Kozdron und der Vorsitzende des Stadtrates Kazimierz Gorlewicz –, und dankte für ihre Teilnahme. Bundesvorsitzender Siegfried Sieg fasste in einem Schlusswort die vielseitigen interessanten Beiträge zusammen, die diese Veranstaltung geboten hatte. Er hob die Bedeutung der Stadt Marienwerder und ihre Geschichte hervor, die interessante Exkursion zu Schloß und Dom, die Situation in der deutschen Volksgruppe im Heimatgebiet Westpreußen und besonders in Marienwerder, und er stellte fest, daß viel Neues und Wissenswertes zu erfahren war. Er zog eine überaus positive Bilanz und freute sich besonders über die Anwesenheit zahlreicher jüngerer Landsleute, mit denen gute Gespräche geführt wurden. Er dankte neben den Teilnehmern besonders den Herren Ortmann, Schuch und Fenske sowie weiteren Organisatoren, die zum Gelingen beigetragen haben und hoffte auf eine Wiederholung und ein baldiges Wiedersehen in Münster und in Westpreußen.

Für die deutsche Volksgruppe dankte Paul Sabiniarz vom Bund der Deutschen Minderheit in Danzig für die gute Zusammenarbeit und die richtungweisende gemeinsame Veranstaltung.

Waltraud von Schaewen-Scheffler, Martin Stender, Mitglieder des Bundesvorstandes