Der Westpreuße Unser Danzig

UNESCO-Welterbe
Deutsches Kulturerbe im Osten

 
Vergessenes ans Licht geholt

Detailansichten aus der Marienburg: Dieser Kaminfries zeigt Szenen aus einem Kampf von Ordensrittern und Prußen oder Litauern.

Fenster im Sommerremter des Hochmeisterpalastes

Um die Bedeutung des Begriffs Weltkulturerbe zu veranschaulichen, seien einige Beispiele genannt: Die Dome in Aachen und Speyer gehörten in Deutschland mit der Würzburger Residenz und der Wieskirche zu den ersten Objekten, es folgten Kirchen und Dome in Trier und Hildesheim, die Altstädte von Bamberg und Lü­beck, Goslar, Quedlinburg, die Klöster Maulbronn und Reichenau, aber auch Zechen in Völklingen und Essen und als Weltnaturerbe das Mittlere Rheintal und das Elbetal bei Dresden

Im Jahre 2005 ist der alte römische Grenzwall Limes vom Mittelrhein bei Koblenz bis zur Donau bei Regensburg in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen worden. Das wiedervereinigte Deutschland ist damit unter den rund 800 Weltkulturstätten mit über 30 Eintragungen vertreten.

Beispiele für Österreich sind die historischen Altstädte von Salzburg und Graz, das Schloss Schönbrunn und die Wiener Altstadt, die Semmeringbahn, das Salzkammergut und die Wachau.

Fassen wir aber den Begriff deutsches Weltkulturerbe nicht etatistisch und lassen wir die Schweiz und Österreich außerhalb unserer Betrachtung, so finden wir in fast allen östlichen Nachbarländern, die 2004 in die Europäische Union aufgenommen wurden, deutsche Kulturstätten, die seit langem zum Weltkulturerbe gehören.

Das ist im Falle Polens zunächst in den ehemaligen deutschen Ostgebieten gegeben und in der Tschechischen Republik für das Gebiet des Sudetenlandes, gilt aber auch für die anderen Länder, wo seit der deutschen Ostsiedlung mit Städten und Burgen Bauwerke und Kunststätten entstanden, die teils bis 1945 deutsch geprägt waren, teils bereits seit Beginn der Neuzeit ihre deutschen Einwohner verloren.

Thorn und Marienburg

Auch die Altstadt von Thorn/Weichsel gehört zum Weltkulturerbe

Weltkulturerbe in Westpreußen: Die Marienburg an der Nogat

Im heutigen Polen wollen wir nur die Marienburg herausgreifen und die Friedenskirche von Schweidnitz. Aber auch der Muskauer Park liegt teilweise in Polen und gehört zu den grenzüberschreitenden Weltkulturstätten. Wenn das historische Zentrum von Krakau und die mittelalterliche Altstadt von Thorn ebenfalls Weltkulturerbe sind, so seien nur Veit Stoß mit seinem Altar in der Krakauer Marienkirche und Nicolaus Copernicus für die deutsche Vergangenheit von Thorn genannt.

Die Marienburg war zunächst als Sitz eines Komturs errichtet, wurde dann aber um 1300 als Residenz des Hochmeisters des Deutschen Ordens umgebaut. Dadurch wurde die frühere Vorburg ein repräsentatives Schloss mit Hochmeisterpalast und Räumen für die Gebieter, ehe ein Neubau einer den Aufgaben des Hochmeisters gemäßen noch weiträumigeren Burg hinzukam und die Malereien in der Hochmeisterkapelle eine Krönung der Wandmalerei in der Zeit zwischen 1380 und 1410 darstellen.

Friedenskirche Schweidnitz

Die in den Jahren 1657 und 1658 erbaute Friedenskirche in Schweidnitz ist äußerlich ein anspruchsloser Fachwerkbau, steht aber im Inneren “in seiner architektonischen und malerischen Einwirkung einzig da. Es ist ein Akkord von feingetöntem Gold und Farben, ein Spiel von licht und Schatten in dieser malerisch empfundenen Architektur, in den prachtvoll geschnitzten Ornamenten, das das Auge bis in den letzten Winkel hinein fesselt.” So empfindet der Maler Josef Langner dieses Kunstwerk, von dem auch Georg Dehio im Lobpreis spricht. Nur aus Holz erbaut, aber dennoch 7.000 Gläubigen Platz bietend, ist diese Kirche mit ihren Emporen und Logen auch soziologisch interessant, da die Emporen und Logen den verschiedenen Ständen und Zünften gehörten, die selbst im lutherischen Gottesdienst ihre Eigenstellung betonten. Architektonisch fasziniert an der Friedenskirche in Schweidnitz die Durchschneidung des Längsschiffes durch das Querschiff, beeindruckend sind auch die vielen Anbauten.

Deutsche Siedler und Baumeister

St. Barbara in Kuttenberg (Böhmen)

Die Annenkirche in Wilna (Litauen)

Die Friedenskirche im schlesischen Schweidnitz

Auch in der Tschechischen Republik sind einige UNESCO-geschützte Kulturstätten von Deutschen geschaffen oder liegen teilweise in dem bis zur organisierten Vertreibung 1946 deutschen Gebiet. Auch hier muss - wie in Krakau - das historische Zentrum von Prag genannt werden, das seit den Privilegien, die böhmische Herzöge den Deutschen gaben, auch deutsche Bevölkerung hatte und wo Baumeister wie Peter Parler aus Schwäbisch Gmünd oder die Meister der Familie Dientzenhofer aus dem oberbayerischen Inntal ihre unvergänglichen Kunstwerke schufen.

In Böhmen gehören die Altstädte von Krummau an der Moldau und Kuttenberg zum Weltkulturerbe, ebenso das Schloss in Leitomischl. Das oft im Schatten Prags und Böhmens stehende Mähren übertrifft an Zahl der Weltkulturstätten Böhmen: Die Liechtensteinschlösser Eisgrub und Feldsberg in Südmähren, die Dreifaltigkeitssäule in Olmütz, das Schloss und die Parkanlagen in Kremsier sind seit den 90er Jahren ebenso in der UNESCO-Liste wie die Altstadt von Teltsch und die Nepomuk-Kirche auf dem Grünen Berg bei Saar auf der Böhmisch-Mährischen Höhe. 2001 kam noch die Villa Tugendhat in Brünn dazu, 2003 das Judenviertel und die Prokopius-Basilika in Trebitsch.

Krummau gilt als das “böhmische Rothenburg”, das wegen des Silberabbaus unter den Rosenbergern aufblühte. Die ganze Altstadt über der Doppelschleife der Moldau ist ein Denkmal mit vielen Bauten von hohem Kunstwert, aber die Höhepunkte sind die Erzdekanatkirche des hl. Veit, eine hohe dreischiffige Halle mit reichem Netz- und Sternrippengewölbe, und das Schloss der Fürsten Schwarzenberg mit seinen Gebäuden, vier Höfen, 300 Gemä­chern und dem prächtigen Schlosspark. Die Bedeutung der Stadt ersieht man daraus, dass die Herren des Schlosses seit Kaiser Ferdinand II. auch Herzöge von Krummau sind. Um 1400 entstand hier die berühmte Madonna von Krummau. Im letzten Jahr kam Krummau in die Schlagzeilen, als ein tschechischer Hotelier in seinem Hotel vor den meist deutschen und österreichischen Gästen eine Benes -Büste aufstellte.

Silberbergbau und Barock

Detail der Parkanlage im Schlosspark Kremsier (Mähren)

Restaurierte Häuserzeile am Marktplatz von Teltsch (Mähren)

Kuttenberg war im Mittelalter die größte Stadt Böhmens und wegen des Silberbergbaus auch die reichste. Hier wurden seit dem Jahre 1300 Münzen geschlagen, aber auch in der Hussitenzeit die deutschen Bergleute verfolgt. Josef Hemmerle schreibt in seinem Sudetenlandlexikon von Kuttenberg als einer Stadt “die, obwohl sie in unserem Jahrhundert fast ganz tschechisch war, doch den Anteil deutscher Bürger und Künstler nicht verleugnen kann.”

So wurde die gotische Barbarakirche von Peter Parler begonnen und von Benedikt Ried weitergebaut Bedeutsam sind auch die Jakobuskirche und die Klosterkirche mit dem Beinhaus.

Feldsberg kam erst nach dem Ersten Weltkrieg mit vier weiteren Gemeinden an Mähren und gehörte bis dahin zu Niederösterreich. Der Park des Liechtensteinschlosses führt bis zum Schlosspark von Eisgrub. Passauer Bischöfe waren die Herren von Felds-berg, dann die Seefeld und Liechtenstein, die es zum Sitz ihres seit Carl in den Fürstenstand erhobenen Geschlechtes machten. Das Schloss ist eine gewaltige Barockanlage, hat aber mit dem Stadtensemble auch Bedeutung für die Bildung, denn der Orden der Barmherzigen Brüder hatte hier nicht nur seine erste Niederlassung im deutschen Sprachraum, sondern in seinem Spital auch eine berühmte chirurgische Lehranstalt. Ebenso hatte das benachbarte Eisgrub schon unter den Fürsten eine Landwirtschaftliche Hochschule. Das barocke Schloss in Eisgrub wurde im 19. Jahrhundert im Tudorstil neu gestaltet. Der Park ist “einer der großartigsten Landschafts-parks Europas” (E. Schremmer). Andere Beinamen sind “Garten Europas” und “Paradiesgarten”.

Moderne Architektur

Das ist auch von den Parkanlagen in Kremsier zu sagen, in dessen Erzbischöflichem Schloss wegen der Revolution in Wien 1848 und 1849 der Wiener Reichstag tagte. Nach der Volkszählung hatte Kremsier 1880 nur noch 25 Prozent Deutsche, weil der Prozess der Industrialisierung im 19. Jahrhundert das Tschechentum stärkte und schon in der Mitte des Jahrhunderts mährische Städte ihre deutsche Mehrheit verloren. In Brünn waren aber noch 1910 über 65 Prozent der Einwohner deutsch, in Olmütz 60 Prozent, so dass wir die Olmützer Dreifaltigkeitssäule ebenso wie die Villa Tugendhat in Brünn als ostdeutsches Kulturgut im UNESCO-Weltkulturerbe anführen können. Die Villa Tugendhat gehört zu den ersten Denkmälern der modernen Architektur, die mit der UNESCO-Ehrung bedacht wurden, ein Juwel der funktionalistischen Zwischenkriegsarchitektur, die Ludwig Mies van der Rohe für den Textilfabrikanten Fritz Tugendhat entwarf.

In der Slowakei machten die 150.000 Karpatendeutschen vor dem Krieg nur fünf Prozent der Bevölkerung aus. Deutsches Kulturgut ist aber im UNESCO-Weltkulturerbe der jungen Republik mehr als überdurchschnittlich vertreten. 1993 wurden die Bergbaustadt Schemnitz und die Zipser Burg mit dem Zipser Kapitel eingetragen, im Jahre 2000 auch das ostslowakische Bartfeld.

Zipser Städtebund

Blick auf die Zipser Burg (Slowakei)

Petrikirche und Schwarzhäupterhaus in Riga

Schemnitz verdankte als älteste Bergbaustadt in der Slowakei im 15. und 16. Jahrhundert dem Silberbergbau seinen Reichtum. Schon vorher wurde das Schloss gebaut, das dann im Renaissance-Stil erweitert wurde und mit dem später barock umgestalteten Nikolaus-Dom und der kleinen gotischen Katharinenkirche wertvolle Bauwerke hat. Dazu kommen die Zechen, Stollen und technischen Werke, die mit dem Bergbau zusammenhängen.

Die mittelalterliche Zips war einst ein Städtebund von 24 deutschen Städten, dessen geistliches Zentrum das Zipser Kapitel mit seiner romanisch-gotischen Kathedrale war, das weltliche die Zipser Burg, deren Ruine die größte Burgruine Mitteleuropas darstellt. Reste des romanischen Palastes und des Donjon sind zu sehen, geräumige Burghöfe und Befestigungen. Das Zipser Kapitel war das geistliche Gegenstück und beeindruckt durch die imposanten Türme der St-Martinskathedrale und die gotischen Schnitzaltäre und Tafelmalereien.

Bartfeld hat unter den slowakischen Städten seinen mittelalterlichen Charakter am besten bewahrt und hat in seiner Ägidienkirche die meisten gotischen Flügelaltäre, die wir in einer Kirche Mitteleuropas finden. Der ungarische König Karl Robert von Anjou erteilte den deutschen Siedlern, die sich im 13. Jahrhundert hier niedergelassen hatten, 1320 die Stadtrechte. Die Bürgerhäuser am Marktplatz zeigen die ehemalige Bedeutung der Stadt, dessen Marktplatz zu den schönsten der Welt zählen soll.

Budapest und Baltikum

Wer weiß heute noch vom Deutschtum in Ofen, das erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts seine Mehrheit verlor, als Ofen nur noch als Buda bekannt war und mit Pest zusammengelegt wurde? Die Ofener Burg ist mit der Altstadt in die Unesco-Liste aufgenommen.

Im Baltikum sind die Altstädte von Reval und Riga dabei, die beide deutsche Gründungen waren und lange Jahrhunderte ihr deutsches Gepräge bewahrten. Im 2007 fälligen Beitrittsland der EU, Rumänien, gehört das historische Zentrum des siebenbürgischen Schäßburg zum Weltkulturerbe. Selbst in der litauischen Hauptstadt Wilna finden wir in der historischen Altstadt ein Bauwerk wie die gotische Annenkirche, die einst die Kirche der deutschen Kaufleute war. Ihre Schönheit begeisterte Napoleon so, dass er sie nach seinen Worten am liebsten nach Paris mit genommen hätte.

Weltnaturerbe Kurische Nehrung

Weltnaturerbe: Dünenlandschaft auf der Kurischen Nehrung

Vergessen wir über der Kultur auch nicht das UNESCO-Weltnaturerbe: Auch hier ist Ostdeutschland vertreten, und zwar mit der Kurischen Nehrung, die wie der Muskauer Park länderüberschreitend ist. Seit 1945 gehören 52 Kilometer der nördlichen Nehrung zu Litauen, 45 Kilometer sind russisch, auch nach dem Zerfall der Sowjetunion. Der litauische Teil ist heute leicht zugänglich, da es keine Visapflicht mehr gibt.

Man setzt von Memel mit der Fähre auf die Nehrung über, deren Einwohner heute die Gemeinde Nida, das alte Nidden bilden, in das die anderen kleinen Orte heute eingemeindet sind. In den Sommermonaten sind noch deutsche evangelische Gottesdienste in der Backsteinkirche von Nidden, die neben dem Thomas-Mann-Haus und den Häusern mit den Kurenwimpeln sowie der großen Düne zu den Sehenswürdigkeiten der litauischen Nehrung gehört.

Agnes Miegel hat diese Düne mit der Ballade “Die Frauen von Nidden” bekannt gemacht Sie schildert darin die Pestzeit:

In der Niederung von Heydekrug
bis Schaaken gehen die Leute im Trauerlaken!

Die Frauen von Nidden sind noch der Meinung:

“Die wandernde Düne
ist Leides genug,
Gott wird uns schonen,
der uns schlug!”
Doch die Pest ist
des Nachts gekommen
Mit den Elchen
über das Haff geschwommen.

Sieben Frauen bleiben nur beim Wüten der Pest übrig, die sich zum Sterben auf die Düne begeben:

Und die Düne kam
und deckte sie zu.

Alter Speicher in Thorn

Heute deckt Unkenntnis und Verschweigen das Wissen um die ostdeutsche Kultur zu. Die offenen Grenzen und die Visafreiheit in die neuen EU-Staaten sollten uns motivieren, in den östlichen Nachbarländern den Monumenten deutscher Kultur nachzugehen und stolz auf diese Vergangenheit zu sein.                                                                              

Rudolf Grulich (DOD)