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Von Sibylle Dreher, Bundesvorsitzende der LMW
Warum bin ich vom Monat Januar so fasziniert? Ist es die Schönheit der winterlichen Landschaft oder die Kraft der Naturgewalten, denen die Ostdeutschen zu begegnen wussten? Ist es meine Geschichte, weil ich im Januar geboren bin? Es war der furchtbarste Januar, den Westpreußen je erlebte, als 1945 die Ostfront an der Weichsel wankte und Stalins Truppen gen Westen stürmten. Der Januar 1945 ist der Monat, aus dem die Schatten von Krieg und Flucht, von Grauen, Schändung, Leid und Tod bis heute reichen. Noch längere Schatten fallen, wenn die Ereignisse davor vergessen werden, die Gewalt des Krieges, die Deportationen, Zwangsarbeit, Tötung und Ermordung der Juden, Polen und anderer missliebiger Menschen durch deutsche, nationalsozialistische Politik. Die winterliche Geborgenheit am warmen Kachelofen – der Inbegriff des Heimatgefühls – musste im Januar 1945 in Westpreußen aufgegeben und die Flucht bei Eis, Schnee und Chaos angetreten werden, um der sowjetischen Armee zu entgehen.
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Blick auf das Marientor in Marienburg: Ansicht um 1900, rechts die Hohen Lauben, links die Niederen Lauben. Mit dieser Abbildung heißen wir unsere neuen Marienburger Leser herzlich willkommen und wünschen Ihnen Freude beim Lesen! Abb.: Archiv
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Wer bleiben wollte, nicht weiterkam oder zurückkehrte, der wurde später von Haus und Hof vertrieben und all seiner Habe und seiner Würde beraubt. Eine Heimkehr blieb für immer ausgeschlossen. Über diesen Ereignissen liegt bis heute in unserem Land ein Schleier des Verdrängens und Verschweigens. Aber solche Erlebnisse brennen sich ein in das Gedächtnis und in die Seele der Menschen und bestimmen fortan ihren Umgang mit der Vergangenheit und der Zukunft: Nie wieder Krieg! ist eine der Lehren – nie wieder Vertreibung! eine andere, die 1991 in Europa beim Krieg auf dem Balkan schon keine Wirkung mehr zeigte. Die Flucht aus dem Osten und die Entwurzelung und Heimatlosigkeit bedeuteten ein schwereres Schicksal als für die meisten anderen Deutschen. Das war nicht so einfach wegzustecken und dennoch wurde es verdrängt. Die Erfahrungen störten beim Überleben und der Existenzsicherung, sie störten bei der friedlichen Entwicklung in Europa, beim Aufbau im Lande und bei der Integration. Als erstrebenswerte Perspektiven galten der Versuch der Wiedergutmachung, Bildung und Verständigung. Wo aber blieben die Gefühle? Nicht die Gefühle der Rache – die wurden 1950 in der Charta der Heimatvertriebenen zugunsten eines positiven Aufbauwillens aufgegeben. Wo blieben die Gefühle der Demütigung, der Vogelfreiheit, der Schmähung, der Entwürdigung und der Hilflosigkeit? Wo wurden die Schmerzen vergraben, welche Misshandlungen erinnerten, wohin die Vergewaltigungen verdrängt? Den Gefühlen liegen Bilder zugrunde, die persönlich erlebt wurden und die weiterleben, auch in den Kindern und ihren Familien. Diese Bilder sind sofort wieder da, wenn Krieg, Flucht und Vertreibung aus aller Welt durchs Fernsehen oder andere Medien direkt zu uns befördert werden. Nur Wenige haben ihre Geschichte aufgeschrieben, um sich zu befreien von der drückenden Last der Erinnerung. So manches Kind hat schöne Bilder gemalt, um die grausamen vergessen zu können. Nicht alle Erwachsenen hatten die Kraft zum Leben mit dieser seelischen Last. Sie ertränkten ihre Erlebnisse in Alkohol und ließen sich fallen in die Sucht oder in den Selbstmord. Sie können schon lange nicht mehr berichten. So manche Frau hatte vielleicht sprechen wollen, kurz danach, bei ihrer Ankunft. Aber keiner hörte hin, denn alle hatten mit dem eigenen Überleben zu tun. Stattdessen wurden die Vertriebenen und Geschundenen ausgefragt nach der Verantwortung für die Verbrechen der Deutschen. Das persönliche Schicksal interessierte die Besatzungsmächte nicht, wo doch Millionen der Versorgung mit dem Nötigsten bedurften. Über die Erlebnisse und ihre Bewältigung wurde nicht verhandelt. In den Familien fragten die Kinder die Eltern und weil diese schwiegen, fragten sie die Großmütter, die Tanten, die Onkel. Sie schnappten Sätze auf, Sprachfetzen, oder Erzählungen, die sie nicht verstehen konnten. Das erlittene Unrecht kam kaum zur Sprache, es war verdrängt, weil es zu viele Schmerzen verursachte. Kinder suchen sich ihre Informationen dennoch, weil sie neugierig sind. Inzwischen verstummen auch sie vor den Schrecken der Erlebnisse deutscher Vertriebener. Ihre Sprachlosigkeit setzt sich fort in die nächste Generation. Eine psychologische Hilfe gab es weder damals noch heute. Vor fünf Jahren wurden in Deutschland erstmalig Ausstellungen über die eigene Geschichte von Flucht und Vertreibung der Deutschen gezeigt. Wer die Besuchertrauben dort gesehen hat, weiß, dass diese Art der Information nötig ist und ausgebaut werden muss. Bei Veranstaltungen zum Thema Flucht und Vertreibung füllen sich die Säle mit Vertretern aller Generationen, die von Psychologen und Psychiatern auf dem Podium hören wollen, wie die seelischen Wunden der Kriegs und Nachkriegszeit behandelt werden können. Haben denn schon Kinder oder Enkel seelische Erschütterungen erlebt, obwohl sie doch noch so klein waren, dass die Vertreibung gar nicht wahrgenommen worden sein kann? Sie empfinden diffus, was Eltern und Großeltern erlebt haben, als diese noch Kinder waren. Fortsetzung von Seite 1 Durch einen Besuch mit den älteren Verwandten in der Heimat – heute ist das ja kein Problem mehr – bekommen auch die Bilder in den Köpfen einen Platz. Aber diese Bilder können wüten; sie zeigen Tod, Blut, Ekel und Gewalt. Mit wem kann in unserem Land darüber gesprochen werden? Frisch Traumatisierte, Gefolterte, Flüchtlinge und Asylbewerber werden in Beratungszentren behandelt. Mit den Traumata von Flucht, Vertreibung und Vergewaltigung der Deutschen vor über 60 Jahren hat aber kaum jemand Erfahrung. Was benötigen die nächsten Generationen, die jetzt unter den Kriegsfolgen zu leiden beginnen und niemanden mehr haben, den sie fragen können? Sicher müssen nicht alle Vertriebenen und ihre Kinder in psychiatrische Behandlung. Aber ihre große Menge zeigt, dass wenigstens Aufklärung über das damalige Geschehen angeboten werden muss. Sie haben ein Recht auf die eigene Geschichte und auch auf ein entsprechendes Haus dafür. Sie brauchen Anteilnahme des eigenen Volkes, dem sie angehören. Ganz Deutschland muss den Kriegskindern diesen Trost zuteil werden lassen. Zu ihnen gehört Erika Steinbach genauso wie ich und wie viele andere, die damals kleine Kinder waren: wir können keine Täter gewesen sein, sondern sind Opfer. Es sei hier die Frage erlaubt, warum ein europäischer Nachbar dagegen ist, dass in Deutschlands eigenem Keller aufgeräumt wird, bevor ein Haus der Versöhnung darauf gebaut werden kann? Die Aufarbeitung unserer Geschichte muss endlich unter öffentlicher Anteilnahme und der Beteiligung der Betroffenen geschehen. Das Leid und die Lebensleistung der Vertriebenen muss vorbehaltlos anerkannt werden und niemand hat uns da reinzureden
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