Beitrag aus DER WESTPREUSSE Nr. 11 – November-Ausgabe v. 01.11.2008:

Walter Leistikow zum Gedächtnis
Ausstellung in Berlin zum 100. Todestag des Bromberger Malers
 


So wie Hermann Löns als Dichter der Lüneburger Heide bekannt wurde – obwohl er doch im westpreußischen Kulm geboren wurde und in Dt. Krone aufwuchs –, so wurde auch Walter Leistikow als Maler der märkischen Seen- und Kiefernlandschaften um Berlin herum bekannt, obwohl er doch in Bromberg geboren wurde. Das Berliner Bröhan-Museum zeigt aus Anlass seines 100. Todestages (im Juli 2008) seit Oktober eine Ausstellung mit etwa 90 Werken Leistikows.

Walter Leistikow wurde am 25. Oktober 1865 als zweites von neun Kindern eines Kaufmanns in Bromberg geboren. Sein Geburtshaus stand in der Danziger Straße an der Ecke Elisabethstraße. Im Hof befand sich die „Kujawjak“-Fabrik, der auch „Leistikow-Edelbitter“ genannt wurde. Leistikows Vorfahren stammten aus Sachsen, Polen, Pommern, dem Baltikum, Schlesien und aus Thorn. Seine Schwester Helene, verheiratete Neubert, gründete im Jahr 1900 eine private Vorschule in Bromberg

Leistikow-Baumgruppe-1987-6

Walter Leistikow: Baumgruppe Pan II. 1.
Radierung, 11,4 x 17,2 cm.
Abb.: Westpreußisches Landesmuseum, Münster

Walter Leistikow erhielt bereits als Schüler in Bromberg Zeichenunterricht. Mit 17 Jahren ging er 1883 nach Berlin, um seine Ausbildung an der Hochschule für bildende Künste fortzusetzen. Dort wurde er zunächst aufgenommen, nach einem halben Jahr jedoch als talentlos abgewiesen. Danach nahm er Privatunterricht, weil er unbedingt Maler werden wollte. Drei Jahre später, 1886, beteiligte er sich am Berliner Salon, einer Ausstellung. Sein Bild „Ziegeleien in Eckernförde“ hatte Erfolg, der ihn zum Durchhalten beflügelt haben mag.

In Berlin und anderswo lernte er Künstler kennen, darunter viele Maler und Schriftsteller. Eine besonders enge Freundschaft entwickelte er zu dem ostpreußischen Maler Lovis Corinth, den er 1897 kennenlernte. Von Corinth stammt der Ausspruch, dass Leistikow „Berlin erst zu einer Kunststadt gemacht hat“. Corinth schrieb ein Buch über seinen Freund: „Das Leben Walter Leistikows – Ein Stück Berliner Kunstgeschichte“, das 1910 bei Paul Cassirer erschien. Im Oktober 2000 erfolgte im Berliner Gebr.-Mann-Verlag eine Neuauflage. Corinth porträtierte Leistikow aber auch (das Bild war kürzlich in der Leipziger Ausstellung über Lovis Corinth zu sehen, s. DW 10/2008). Das Bild zeigt einen sehr schlanken und gepflegten Mann, der der Mode der Jahrhundertwende entsprach.

Zusammen mit seinen Berliner Künstlerfreunden, besonders mit Max Liebermann, gründete Leistikow 1892 die „Vereinigung der XI“, die sich um die Ausstellung moderner Berliner Kunst bemühte. 1898 gehörte Leistikow zu den Mitbegründern der Berliner Sezession (Jugendstil) und 1903/04 gehörte er mit Harry Graf Kessler zu den Gründern des Deutschen Künstlerbundes in Weimar. Leistikow zeigte moderne Kunst, die in Berlin vorher noch nicht zu sehen war, so holte er u.a. Gemälde von Vincent van Gogh nach Berlin oder von Edvard Munch und auch von den französischen Impressionisten wie Monet, Manet oder auch Cezanne.

Sein eigener beruflicher Erfolg war beeindruckend. Beeinflusst von den französischen Symbolisten, aber auch von japanischen Holzschnitzarbeiten, malte Leistikow vor allem Stimmungsbilder der märkischen Wälder und Seen. Kiefernbäume im Abendsonnenschein, die um einen in der Dämmerung versinkenden See stehen, sind eines seiner häufigsten Motive. Doch malte er auf seinen Reisen auch Landschaften an der Ostseeküste, besonders die Insel Rügen, oder in Bayern und in Italien. Berlin selbst hat er nicht gemalt, nur die Umgebung, wie den Grunewald. Dessen abstrahierte Darstellung missfiel besonders dem Kaiser. Doch anders als viele Impressionisten malte Leistikow durchaus gegenständlich, aneinandergesetzte Farbflecke, die die Motive auflösen, gibt es bei ihm nicht. Nicht nur die Museen in Berlin, sondern in ganz Deutschland kauften Leistikows Werke, auch viele private Sammler, diese vor allem in der Hauptstadt, schmückten ihre Salons mit seinen Gemälden. Manche seiner Ausstellungen waren komplett ausverkauft. Dieser finanzielle Erfolg ermöglichte ihm viele Reisen. Gemeinsam mit seiner dänischen Frau Anna Mohr, mit der er zwei Kinder hatte (Gerda und Gunnar), reiste er öfter nach Skandinavien. Neben Ölbildern fertigte er auch Aquarelle, Radierungen und Lithographien.

1907 verlieh die Königliche Akademie Walter Leistikow den Titel eines Professors, eine schöne Bestätigung seines Erfolges. Leistikow betätigte sich aber nicht nur als Maler, genau wie sein Freund Lovis Corinth war er auch journalistisch bzw. schriftstellerisch tätig, vielleicht angeregt durch seine Freunde, die Dramatiker Max Halbe – aus Danzig – und Gerhart Hauptmann – aus Schlesien. Leistikow schrieb Kunstberichte für Zeitungen und Zeitschriften, 1896 veröffentlichte er seinen Roman „Auf der Schwelle“, der in Bromberg spielt. Allerdings soll das Buch keinen großen Erfolg gehabt haben.

Geradezu auf dem Höhepunkt seines Erfolges, mit 42 Jahren, schied der Maler aus dem Leben. Während eines Sanatoriumsaufenthalts am Rande von Berlin erschoss sich Leistikow am 24. Juli 1908, um mit dem Fortschreiten seiner Syphiliserkrankung seiner Familie nicht zur Last zu fallen. Fünf Tage später hielten seine Freunde eine Totenfeier für ihn, zu der viele, die in Berlins Kunstleben Rang und Namen hatten, erschienen. Begraben wurde er auf dem Städtischen Friedhof in Steglitz.

Heute zählt Walter Leistikow zu den weithin in Vergessenheit geratenen Malern. In Bremerhaven gab es 1994 eine Ausstellung zum 125-jährigen Stadtjubiläum. Eine größere Sammlung mit Gemälden befindet sich noch heute in Bromberg.

Aufgrund der Bemühungen des Berliner Ehepaares Wolfgang und Wilma Holtz aus Lichterfelde ist Walter Leistikows Grab seit dem 11. Oktober 1990 ein Ehrengrab der Stadt Berlin. Ehepaar Holtz setzte sich auch für die Restaurierung des Grabsteins ein und organisierte zum 100. Todestag eine Gedenkfeier auf dem Steglitzer Friedhof. Die Bromberger Heimatkreisvertreterin Ilma Samel (Bromberg-Stadt) nahm daran teil und legte für die Bromberger Heimatkreise Gestecke am Grab nieder.

Im Berliner Bröhan-Museum wird seit dem 3. Oktober bis zum 11. Januar 2009 eine Ausstellung mit etwa 90 Werken des aus Bromberg stammenden Malers gezeigt, die neben großformatigen Ölbildern auch Graphik und Jugendstildekor zeigt.

Barbara Kämpfert


Walter Leistikow – Stimmungsland-schaften. Bröhan-Museum, Schlossstraße 1 a, Charlottenburg, Tel. (030) 32 69 06 22. Geöffnet Di-So 10-18 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Katalog (für 25 Euro) erschienen. Das Museum zeigt auch in seiner ständigen Ausstellung einige Werke von Leistikow.

Zitate:

„Nicht derjenige ist der nationale
Künstler, der einen deutschen
Grenadier hinstreicht, sondern
derjenige, der ein Werk schafft,
das überall als Ausfluss deutscher
Kunstfertigkeit und
nationaler Kultur geschätzt wird.“   
Walter Leistikow, 1904
 

„Die Berliner Kunstgeschichte
kann ohne Walter Leistikow
nicht geschrieben werden.“
Reimar Lacher, 2000


„Wenn Deine Werke
auch die Namen tragen
von fremder Landschaft
und der Heimat nicht –
aus der Gestaltung
deiner Bilder ragen
der Osten, seine
Weite, sein Gesicht.“
Clemens Conrad Rössler