Zur Geschichte des westpreußischen Landeswappens

Zeittafel (Kurzfassung)

Hans-Jürgen Schuch

Das Westpreußen-Wappen.

Die im Preußischen Bund vereinigten Stände Preußens sagen sich vom Deutschen Orden los und wählen den König von Polen zu ihrem neuen Oberherrn.

Auf Wunsch des Preußischen Bundes ernennt der König von Polen bereits am 9. März 1454 für die Lande Preußen einen Gubernator (Statthalter) aus den Reihen der Preußen: Hans von Baysen, Herr auf Cadinen bei Elbing.

Der Gubernator ist für die Preußen ihr „Landespräsident", er ist für sie ein Zeichenihrer Selbständigkeit als Ständestaat unter der Oberhoheit des Königs von Polen, den sie als Schutzherren ansehen.

Wie bereits 1454 siegelt der Gubernator, einem Brauch der Zeit folgend, wichtige Dokumente mit seinem Privatsiegel.

Die ersten nach 1454 geprägten Münzen in Preußen zeigen einen Adler mit einer Krone um den Hals, ohne den Schwertarm.

Das Privatsiegel wird für Staatsangelegenheiten durch ein Amtssiegel (Sigillum publicum) ersetzt. Der Gubernator verpfändet am 9. September der Stadt Elbing Land und Höfe. In diesem Zusammenhang siegelt er mit einem neuen Wappen, das den Adler mit einer Krone um den Hals zeigt sowie einen gepanzerten Arm mit einem Schwert in der Faust, das über dem Haupt schwebt. Die nächste bekannte Siegelung erfolgt am 22. Mai 1457. Das aus dunklem Wachs bestehende Siegel hat einen Durchmesser von 40 mm. Die Umschrift lautet: s. gubernatoris terrarum prusie (Siegel des Gubernators der Lande Preußen).

Der Schwertarm ist ein Rechtssymbol, Ausdruck der weltlichen Gerichtsbarkeit (brachium saeculare), aber wohl auch ein Zeichen der Wehrhaftigkeit und Selbständigkeit gegenüber der Krone Polen.

Hans von Baysen stirbt auf der Marienburg. Sein Bruder Stibor von Baysen ist sein Erbe.

Das wahrscheinlich älteste farbig ausgemalte Siegelbild befindet sich in der Kirche in Dörbeck bei Elbing. Die Ortschaft gehört zu dem Waldamt Cadinen, dessen Eigentümer Stibor von Baysen ist. Er ließ die Kirche ausmalen. An der Nordwand des Chores befinden sich in einem Bogen das Wappen Polens und der preußische Adler mit Krone und Schwertarm. Der polnische Adler ist weiß, der Adler Preußens schwarz. Auch alle folgenden Darstellungen zeigen den Adler schwarz in einem silbernen (weißen) Feld. Es sind die Farben des Deutschen Ordens. Das zum Landesadler gewordene Wappenbild ist der Adler aus dem Wappen des Hoch­meisters und geht mit ziemlicher Sicherheit auf das Wappen des deutschen Kaisers zurück

1466 Das Gubernatorenamt ist beschränkt auf den westlichen Landesteil Preußens, den Ständestaat des Preußen königlich-polnischen Anteils einschließlich des Ermlandes.

1467 Das Amt des Gub'ernators wird aufgehoben.

1472 Stibor von Baysen wird nurWoiwode von Marienburg, nicht Gubernator, darf sich aber Oberster Landeshauptmann - Statthalter und Anwalt der Lande Preußen -nennen. Stibor erhält nicht die Marienburg, hat seinen Sitz in Stuhm, übt dennoch alle Funktionen des Gubernators weiter aus und führt auch den Titel Gubernator, wie dies noch 1478 aus einer Urkunde hervorgeht. Sein Tod 1480 beendet die Zeit des Gubernatorensiegels und ist der Beginn der Zeit des Landessiegels. Der König von Polen so// auf einer Tagesfahrt in Thorn dem Land - nicht nur dem Kulmer Land - ein Banner mit dem schwarzen Schwertadler verliehen haben.

1481 Neuer Woiwode von Marienburg wird Stibors Sohn Nikolaus. Der König ernennt trotz des Drängens der Preußischen Stände keinen Gubernator mehr. Die Stände ver­trauen Nikolaus von Baysen das Gubernatorensiegel an.

1502 Das Siegelbild Preußens wird in das große polnische Wappensiegel aufgenommen.

1562 Auf dem Petrikauer Reichstag zu Martini weist der Danziger Gesandte Georg Klee­feld die Behauptung zurück, die Lande Preußen seien mit Polen „unter einem Sie­gel". Preußen habe immer ein eigenes Siegel geführt.

1586 Auf der Tagesfahrt in Thorn wird am 2. Oktober die Einführung eines neuen Landes­siegels beschlossen, das aber erst 1613 benutzt wird. Die Umschrift lautet: Sigillum terrarum Prussiae (Siegel der Lande Preußen). Damit ist auch der östliche Landes­teil gemeint.

Alle Gesetze, Mandate u. a. werden mit dem Landessiegel bekräftigt. Schriftstücke in polnischer Sprache dürfen damit nicht gesiegelt werden, worauf besonders die großen Städte sehr achteten.

Landtagsgesetze, die nicht mit dem Landessiegel „gesiegelt" werden, treten nicht in Kraft.

Siegelbewahrerin ist mit kurzen zeitlichen (kriegsbedingten) Unterbrechungen die Stadt Elbing, der die Stände dieses Amt zu einem nicht bekannten Zeitpunkt über­tragen haben.

1772 Die Eigenständigkeit des königlichen Preußen ist beendet. Bei der Eingliederung der Stadt Elbing in das Königreich Preußen wird das Landessiegel beschlagnahmt und ist seitdem verschollen.

1881 Nach dem Vorbild des Landeswappens bis 1772 wird der schwarze Adler mit der goldenen Krone um den Hals und dem Schwertarm Wappen der Provinz Westpreu­ßen im Königreich Preußen.

Hier eine Kurzbeschreibung des Wappens: Schwarzer Adler, goldbewährt, mit ro­ter Zunge, einer goldenen Krone um den Hals und einem (stahl-)blauen gepanzer­ten rechten Arm, der aus dem Hals wächst. In der ungepanzerten (fleischfarbigen) Faust befindet sich ein Schwert, frei über dem Kopf des Adlers schwingend. Das Große Wappen wird von zwei „wilden Männern" gehalten, wie dies auch bei den Wappen der anderen Provinzen im Königreich Preußen der Fall ist.

1929 Die 1938 wieder aufgelöste Provinz Posen-Westpreußen erhält ein Wappen, das dem der Provinz Westpreußen sehr ähnlich ist. Lediglich die Krone wurde entfernt und die Brust des Adlers mit einem gespaltenen Schild belegt, der einen Balken wechselnder Tinktur (weiß-schwarz-weiß) zeigt.

1949 Die Landsmannschaft Westpreußen bestimmt den Schild des Deutschen Ordens zu ihrem Symbol und versieht es mit der darüber angeordneten Buchstabenleiste WESTPREUSSEN. Der Hochmeister Marian Tümmler ist 1964 damit einverstanden. Im Laufe der Zeit wird dieses Abzeichen immer öfter mit dem Westpreußen-Adler verbunden und schließlich durch ihn fast ersetzt.

1995 Die Woiwodschaft Thorn führt das historische Wappen als Symbol ein. Der preußi­sche Adler wird allerdings weiß (silbern) in einem roten Feld dargestellt, somit dem polnischen Staatswappen angepaßt. An mehreren Stellen (z. B. Bauwerken) wird der schwarze Adler weiß überpinselt und der im Laufe der Zeit verblaßte Schild rot gestrichen.

Literatur:

Edward Carstenn: Die Altstadt Elbing und das Preußische Landessiegel, Weichselland, 36. Jg., Heft 3, Oktober 1937, Danzig

Wilhelm Stüwer: Westpreußens Landessiegel und Landeswappen, Westpreußen-Jahrbuch, Band 36/1986, Münster

Altpreußische Biographie, Königsberg Pr. 1937