Beitrag aus DER WESTPREUSSE Nr. 12 – Dezemberausgabe v. 01.12.2007:

Westpreußen baut
Von Hans-Jürgen Kämpfert
 

Wer in diesem Jahr eine Reise nach Westpreußen unternommen hat, wird wohl einigermaßen staunend bemerkt haben, welch zahlreiche Baustellen in dem Land an der unteren Weichsel anzutreffen sind. Gemeint sind nicht nur Straßenbauten, obgleich diese dem Beobachter am ehesten auffallen. Auch eine Reihe von anderen Bauten lenken den Blick des Reisenden auf sich. Einige Beispiele sollen hier genannt werden

An der Ostseeküste bei Steegen

An der Ostseeküste bei Steegen

Nach dem Brand neu errichtet: Kirche in Bohnsack

Nach dem Brand neu errichtet: Kirche in Bohnsack

Ruine des Speichers „Arche Noah“

Ruine des Speichers „Arche Noah“ 

Einer der Remter am Kreuzgang mit restaurierter Deckenbemalung

Einer der Remter am Kreuzgang mit restaurierter Deckenbemalung

An diesem Tisch soll 1660 der Friede von Oliva unterzeichnet worden sein.

An diesem Tisch soll 1660 der Friede von Oliva unterzeichnet worden sein.

Das Herrenhaus von Rekau bei Neustadt

Das Herrenhaus von Rekau bei Neustadt 

Eingang zur Höhle von Mechau bei Neustadt  Fotos: HJK

Eingang zur Höhle von Mechau bei Neustadt  Fotos: HJK

Natürlich sind die neuen Straßenbauten am auffälligsten, teils weil sie den Autofahrer angenehm und schnell weiter bringen, wenn sie schon befahrbar sind, teils weil sie ihn behindern durch Ampelanlagen oder weite Umwege. Oft findet man an solchen Baustellen Tafeln angebracht, die darauf hinweisen, dass hier mit der Hilfe von EU-Geldern die Infrastruktur verbessert wird. In Bromberg zum Beispiel war die Wilhelmstraße wegen Bauarbeiten fast völlig gesperrt, dagegen ist die ehemalige Friedrichstraße inzwischen zu einer angenehmen Fußgängerstraße geworden. Südlich von Bromberg im Kreis Schubin, früher Provinz Posen, hat das alte Herrenhaus offensichtlich einen Käufer oder Sponsor gewonnen. War es früher Sitz von Verwaltungsbehörden und nicht gerade ansehnlich, so leuchtet es jetzt in hellem Weiß, ist mit einem festen Zaun und von einem gepflegtem kleinen Park mit einem See umgeben.

Der Innenstadtbereich von Flatow ist sehr gelungen ausgebaut worden, um 12 Uhr mittags trifft sich immer eine kleine Schar von Zuhörern am Rathaus, um den Hirsch, das Wappentier der Stadt, röhren zu hören, obgleich seine Laute wohl in der ganzen Stadt nicht überhört werden können. Das alte Landratsamt ist renoviert und dient heute vergleichbaren Zwecken der Verwaltung; die breite Zufahrtsstraße wird alleeartig ausgebaut und behindert noch die Anfahrt.

Der Marktplatz in Konitz leuchtet schon einige Zeit in farbiger Pracht, insbesondere das Rathaus ist sehr aufwändig restauriert worden, so dass das Ensemble Markt, Rathaus, Pfarrkirche und Gymnasialkirche wirklich ein Vorzeigeobjekt geworden ist. Man kommt aus dem Staunen aber gar nicht heraus, wenn man von Konitz an den Müskendorfer See fährt: ein neuer, gepflasterter, kilometerlanger kombinierter Fuß- und Radweg begleitet die Fahrstraße bis an den See. Ob er wohl hinreichend genutzt wird?

Über das um die Jahreswende renovierte Schulhaus von Hansdorf bei Deutsch Eylau im Kreis Rosenberg wurde in unserer Zeitung bereits ausführlicher berichtet. Mit Hilfe der Behring-Werke in Marburg ist im Innern eine kleine Ausstellung entstanden, die Leben und Werk des Nobelpreisträgers Emil von Behring übersichtsartig sehr gut beschreibt. Seine Büste steht innen und auch außen vor dem Haus und zwei Tafeln neben dem Eingang in deutscher und polnischer Sprache weisen darauf hin, dass der große Wissenschaftler hier als Sohn des Lehrers geboren worden ist.

In Elbing geht es weiterhin nur sehr langsam, aber doch stetig voran, dagegen ist die große Durchgangsstraße von Elbing nach Danzig jetzt fertig und gut befahrbar. Ähnliches gilt auch für die neuen Straßen und Brücken im Werder. Zwar führt immer noch eine „Erlebnisbrücke“, die alte Behelfsbrücke über die Tote Weichsel, nach Bohnsack mit seiner nach dem Brand neu errichteten Kirche, doch die Weichselfähre, eine abenteuerlich anmutende kombinierte Schlepp- und Seilfähre, von Schiewenhorst nach Nickelswalde ist im Sommer benutzbar, und die Orte Steegen an der Ostsee und auf der Frischen Nehrung Kahlberg und Neukrug kurz vor der russischen Grenze sind mit dem Auto gut erreichbar.

In Danzig wird – der Größe der Stadt entsprechend - ständig gebaut. In einem weiten Ring um die Stadt herum entstanden schon in den letzten Jahren hübsche Mehr- und Einfamilienhäuser. Diese emsige Bautätigkeit erstreckt sich weit in die Kaschubei hinein, leider wird dabei auf die einmalig schöne Landschaft der Kaschubei offensichtlich kaum Rücksicht genommen: das „blaue Ländchen“ wird geradezu zersiedelt, Wald und Seeufer sind fast überall mit Häusern „verziert“, sie stören das reine Landschaftsbild. In Danzigs Innenstadt konnte der Dachstuhl der St. Katharinenkirche leider noch nicht wiederhergestellt werden – einige Träger ragen mahnend in den Himmel. Dagegen ist das Innere der Kirche zu St. Petri und Pauli in der Vorstadt jetzt fertig geworden und lohnt eine Besichtigung. Sehr renovierungsbedürftig ist dagegen das Gebäude des alten Akademischen Gymnasiums am Winterplatz, das im kommenden Jahr auf 450 Jahre seit seiner Gründung zurückblicken kann, als Städtisches Gymnasium nach der Humboldtschen Schulreform ist es vielen alten Danzigern noch in guter Erinnerung. Auch auf der Speicherinsel ist gebaut worden, z. B. die neue Philharmonie, doch hier überwiegen immer noch die Trümmer, die der Krieg und die Besetzung Danzigs hinterlassen hat, wie die Ruine des alten Speichers „Arche Noah“ zeigt – etwa dreihundert solcher Speicher haben vor dem Kriege hier gestanden, alle mit Namen versehen und zahlreiche dieser Namen hatten einen Bezug zur Bibel.

In dem Vorort Langfuhr lohnt ein Halt am Labesweg, am Neuen Markt. In der Nähe des Geburtshauses von Günter Graß ist ein ansehnlicher Brunnen entstanden, dessen Größe und gepflegte Umgebung beeindrucken. Eine Bank aus Metall mit dem Trommler Oskar steht unmittelbar daneben.

In Oliva erlebt man eine weitere Überraschung: natürlich ist der Besuch der Kathedrale ein Genuß, doch darüber hinaus ist jetzt auch wieder der Kreuzgang geöffnet mit seinem schönen, kleinen Innenhof. Die großen Gemälde im Kreuzgang scheinen renoviert, die früher überstrichenen deutschen Inschriften sind wieder sichtbar, jedoch wegen der einstigen Übermalung schwer zu entziffern. Einen herrlichen Anblick bieten die renovierten Remter um den Kreuzgang, die ich so noch nie gesehen hatte, in einem von ihnen befindet sich nun der Tisch, an dem im Jahre 1660 der berühmte Friede von Oliva zwischen Polen und Schweden unterzeichnete worden sein soll; eine kleine Ausstellung erläutert den historischen Zusammenhang.

Ein Spaziergang auf dem langen Zoppoter Seesteg ist nach wie vor wunderschön, doch den vertrauten Blick zurück auf das alte Kurhaus zwischen Warmbad und Casino-Hotel vor der Danziger Höhe wird es wohl nie wieder geben: ein großes modernes Sheraton-Hotel von etwa vier Stockwerken wird das Kurhaus ersetzen und sich noch zum alten Casino-Hotel hin fortsetzen. Eine große Baustelle verhindert hier den Durchblick genauso wie auf der Landseite, wo der untere Bereich der Seestraße in eine Straßenabsperrung mündet. Richtig wohltuend erweist sich da manch ein Blick auf die hier und da noch vorhandene Bäderarchitektur, die hübschen alten Häuser mit ihren oft recht großen hölzernen Vorbauten und Veranden.

Die Renovierung des alten Prämonstratenserinnen-Klosters in Zuckau, das 1209 gegründet wurde, ist inzwischen abgeschlossen und wohl gelungen, ein Besuch lohnt sich. Eine Riesenüberraschung erwartet einen in Rekau, nördlich von Neustadt. Das alte Herrenhaus von 1840 in spätklassischem Stil, das sich seit 1871 im Besitz der Familie Mahncke befand, lag bisher als Ruine da. Man konnte in den verwilderten Park eindringen und fand noch manchen sehr alten oder seltenen Baum in dem urwaldartigen Bestand, der an frühere Zeiten erinnerte. Jetzt wird das Haus mit seinem markanten, seitlichen Turm wieder aufgebaut und steht kurz vor den Vollendung zu einem Hotel. Ein zugegebenermaßen zu dem hellen Haus passender Zaun umgibt nun das ganze Anwesen und verhindert den Zutritt. Hier muß sich wohl ebenfalls ein potenter Käufer oder Sponsor gefunden haben.

Nur wenig entfernt von Rekau liegt das Dorf Mechau. Auch hier verhindert ein neuer Zaun den Zutritt, allerdings nur, solange man nicht den geringen Eintritt bezahlt hat. Danach öffnet sich der Zugang zu einer der größten naturkundlichen Sehenswürdigkeiten unserer Heimat, der „Tropfsteinhöhle“ von Mechau, die gar keine Tropfsteinhöhle ist, sondern durch Kalkablagerungen in Hunderten von Jahren gebildet wurde. Nur gebückt kann man sich in die Höhle hinein bewegen, doch einige Säulen und kleine Seitenhöhlen sind elektrisch ausgeleuchtet, so dass man sich fast wie unter der Erde im deutschen Mittelgebirge fühlt. Seit mindesten 200 Jahren schon zieht sie die Menschen nach ihrer Entdeckung in ihren Bann.

Schließlich besuchen wir noch die Kirche in Zarnowitz. Das Kloster der Nonnen im Zisterzienserorden wurde 1235 begründet und war nach dem Zweiten Weltkrieg  lange Jahre vernachlässigt worden. Jetzt ist die Renovierung der Kirche sowohl im Inneren, als auch von außen wohl abgeschlossen, auch der Altar steht wieder an seinem alten Platz und alles macht einen sehr gelungenen Eindruck. Der angrenzende Kreuzgang allerdings harrt noch seiner Vollendung und die Besichtigung der Klosterschätze ist normalerweise leider auch nicht möglich.

Auch wenn ein Besuch in unserer Heimat immer wieder alte Wunden aufreißen mag, langweilig ist er jedenfalls nicht. Und auch wenn man meint, schon alles zu kennen, entdeckt man doch immer wieder Neues; und wenn man ungeduldig Wiederaufbau und Pflege des Alten ersehnt, so erkennt man doch Fortschritte, die einen erfreuen – eben: Westpreußen baut.

Hans-Jürgen Kämpfert