Beitrag aus DER WESTPREUSSE Nr. 9 – Septemberausgabe v. 01.09.2007:

Westpreußen im Jahr 1807
Vor 200 Jahren begann die Zeit der Erniedrigung und der Not
Streiflichter aus Danzig, Marienburg, Flatow, Rosenberg und Löbau
 

Mehr als ein halbes Jahrtausend, vom Anfang des 15. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, ist das Preußenland regelmäßig von den großen europäischen Kriegen heimgesucht worden. Nicht immer als kriegführende Partei, wenn es auch zu den beteiligten Staaten – Polen, Preußen, Frankreich – gehörte, zumindest aber immer als passives, „leidendes“ Objekt im wahren Sinn des Wortes.

Schloss Finckenstein

Schloss Finckenstein im Kreis Rosenberg (Aufnahme von 1934); hier hatte Napoleon im Frühjahr 1807 sein Hauptquartier aufgeschlagen. Foto: Archiv

Eine dieser Leidenszeiten begann vor 200 Jahren, nachdem Frankreichs Heere unter dem (selbsternannten) Kaiser Napoleon sich aufgemacht hatten, große Teile Europas zu unterwerfen. Nach den Erfolgen gegen die Österreicher und die Russen 1805, der Auflösung des „Heiligen Römischen Reiches“ 1806 und der vernichtenden Niederlage Preußens bei Jena und Auerstädt im Oktober 1806 wandte sich Napoleon nach Osten. Im Frühjahr 1807 standen die französischen Truppen in Ost- und Westpreußen; Russen und Preußen konnten das Blatt nicht mehr wenden, so dass der Tilsiter Friedensvertrag vom 7./9. Juli 1807 die Niederlage Preußens besiegelte.

Während die Grenzen Ostpreußens unversehrt blieben, musste Westpreußen das Kulmerland samt Thorn an das neue „Herzogtum Warschau“ abtreten. Schon im Mai war nach wochenlanger Belagerung und Beschießung die Stadt Danzig in die Hände der Franzosen gefallen, und Napoleon ließ keinen Zweifel daran, dass er diesen wichtigen Handelsplatz für sich behalten und als Stützpunkt für alle weiteren militärischen Maßnahmen gebrauchen wollte. Der Status einer „Freien Stadt“, den Danzig anschließend erhielt, war blanker Hohn und diente der französischen Besatzung unter ihrem General Rapp nur als Fassade, um fortan ein gnadenloses und ausbeuterisches Regiment zu führen.

Was die alte Weichselmetropole in den folgenden Jahren an Demütigungen und Entbehrungen, an materieller Ausbeutung und maßlosen Ansprüchen seitens der französischen Gewalthaber zu erdulden hatte, war in ihrer an Wechselfällen gewiss nicht armen Geschichte ohne Beispiel. Der Handel kam fast völlig zum Erliegen, die Verschuldung der Bürger stieg ins Unermessliche, und Willkürakte der Militärs waren an der Tagesordnung. Die alsbald zu einem geflügelten Wort aufgestiegenen „Siebenjährigen Leiden Danzigs“ hat der Konsistorialrat und Pfarrer an St. Marien Abraham Friedrich Blech unter diesem Titel mit großer Genauigkeit geschildert (2 Bände, 1815).

Aber auch viele Einzelzeugnisse geben ein betrübliches Bild vom äußeren Zustand der Stadt. Ein französischer Feldarzt beschreibt kurz nach der Kapitulation Danzigs seine Eindrücke: „Mit traurigen Empfindungen betrat ich die Stadt, da ich zumal in der Vor- und Altstadt die mehrsten Häuser zerstört, vom Brande beschädigt oder von Kugeln durchlöchert sah. 700 Häuser waren gänzlich zerstört, wenigstens 2000 mehr oder weniger beschädigt, und vielleicht kein einziges, an welchem nicht die Fensterscheiben zerbrochen waren. In den Hauptstraßen hatte man das Steinpflaster aufgerissen; die Stadt schien verödet zu sein, denn die Einwohner verbargen sich oder kamen doch aus Furchtsamkeit nicht zum Vorschein. Es sollen mehr als 70.000 Bomben in die Stadt geworfen sein“

Während über die Danziger Ereignisse, schon von der Bedeutung der Stadt her, viel berichtet und geschrieben wurde, ergibt sich die Frage: Wie sah es im übrigen Westpreußen damals aus? Einige Streiflichter aus den alten Kreisgeschichten sowie Notizen in den „Mitteilungen“ des Westpreußischen Geschichtsvereins sollen hier Auskunft geben.

Schloss Finchenstein Bett mit Baldachin

In diesem Bett mit Baldachin soll Napoleon bei seinem Aufenthalt auf Finckenstein geschlafen haben.Foto: Archiv 

Beim Vormarsch der Franzosen im Winter 1806/07 gelangte am 22. Januar 1807 eine erste Vorhut nach dem völlig offenen Marienburg. Die Soldaten machten nicht nur äußerlich einen schlechten Eindruck; während der drei Tage Aufenthalt plünderten sie, erpressten Geld und erzwangen eine ausgesuchte Verpflegung. Die Stadt beklagte einen Verlust von 4000 Talern. Drei Wochen später rückte eine Heeresabteilung von 7000 Mann unter Marschall Lefebvre ein und bezog Quartier; allerdings kamen auf manches Haus 20 bis 30 Mann, so dass den Bewohnern fast nur der enge Bodenraum übrig blieb. Die Verpflegung der „Gäste“ machte große Schwierigkeiten, da sie statt der gewöhnlichen Kost „Wein, Kaffee, Semmel und leckere Speisen erpressten, nebenher den Bürgern mit der Drohung, sie zu erstechen oder zu erschießen, bares Geld raubten, Kleidungsstücke und andere Sachen stahlen“. Vor einer Plünderung konnte sich die Stadt nur durch eine „Kriegssteuer“ von mehreren tausend Talern retten. Wegen der strategisch günstigen Lage, auch im Hinblick auf die aus dem benachbarten Werder zu beziehenden Lebensmittel, blieb Marienburg auch weiter ein wichtiger Etappenstandort, und bis zum Ende des Jahres 1808 hatte die Stadt unter starken Truppendurchzügen, den Kosten für die Befestigung und den Unterhalt eines großen Lazaretts zu leiden. Hinzu kam eine Schuldenlast von 131.000 Talern.

Im südlich gelegenen Netzedistrikt tauchten im November 1806 die ersten Franzosen auf, und fortan zogen größere Heeresabteilungen auch durch den Kreis Flatow. Die Bewohner wurden auch hier drangsaliert und mit z. T. unmöglichen Forderungen konfrontiert; vor allem die Offiziere stellten hinsichtlich der Verpflegung höchste Ansprüche. Gutsbesitzer und –pächter mussten fortwährend Wein beschaffen (hauptsächlich weil die Franzosen, aus gutem Grund, das einheimische Bier verschmähten), doch gab es dieses edle Getränk dort nicht und musste mühsam in den Städten aufgetrieben werden. Dazu kamen Fourage- und Vorspanndienste, und wer das nicht leisten konnte, musste Geld bezahlen. Die Quittungen waren nichts wert, die Steuern blieben zwangsläufig aus, das Land verarmte gänzlich.

Aber nicht nur in die materiellen Verhältnisse der Menschen wurde von den Besatzern eingegriffen, sondern auch in die persönlichen Lebensumstände. So mussten alle Städte des Netzedistrikts zusätzlich Arbeiter nach Thorn schicken, um bei den dortigen Befestigungsbauten eingesetzt zu werden. Entlohnung und Lebensmittel für vier Wochen hatten sie selbst mitzubringen. 24 Stunden nach Erhalt des Gestellungsbefehls sollten die Arbeiter bereits die Reise angetreten haben. Bei einer zeitlichen Verzögerung oder gar Weigerung, die geforderten Arbeitskräfte zu stellen, drohten den Lokalbehörden strenge Strafen, deren Höhe zu bestimmen sich der Kaiser sogar selber vorbehielt.

Nach dem Winterfeldzug hatte Napoleon im April 1807 sein Hauptquartier im Schloß Finckenstein aufgeschlagen. Dieses lag in nächster Nähe von Rosenberg, und so stand zu befürchten, dass die Stadt ganz besonders wegen der zu fordernden Unterhaltslieferungen der Franzosen alsbald in große Bedrängnis geraten würde. Da die Stadt über die Leistungen an die französische Armee ebenso wie über die erlittenen Schäden genau Buch geführt hat, läßt sich das Ausmaß der Drangsalierungen gut belegen. Nur die wichtigsten Fakten seien hier genannt:

Im Februar 1807 rückten die ersten Regimenter an, und sofort wurden die Forderungen gestellt – neben Getreide und Heu noch 25 Ochsen, 3000 Portionen Brot und Branntwein sowie 2210 Taler in bar. Da diese Mengen nicht zu beschaffen waren, wurden sie reduziert und durch andere Schikanen „ersetzt“. Die gleiche Prozedur wiederholte sich in den folgenden Wochen mehrmals in unterschiedlichem Ausmaß, endete aber regelmäßig mit der gewaltsamen Wegnahme alles dessen, was die Bürger noch besaßen. Zweimal konnte die Stadt je einen Schutzbrief der Besatzungsarmee gegen weitere Erpressungen erlangen, die jedoch – wie zu erwarten – wirkungslos blieben. Alles in allem beliefen sich die Verluste Rosenbergs im Jahr 1807 auf 94.103 Taler, was die Lebenskraft der Stadt für viele Jahre lähmte.

In dem Dorf Deutsch Brzozie im Kreis Löbau, rund 10 Kilometer südlich von Neumark, hat der Pfarrer in seinem Kirchenbuch Aufzeichnungen hinterlassen, die die Franzosenzeit und ihre Schrecknisse aus einem überwiegend privaten Blickwinkel beleuchten und sich doch beinahe nahtlos in das bisher Gesagte einfügen. Ausgangspunkt sind die Truppenbewegungen rund um die Schlacht bei Pr. Eylau (7. 2. 1807), die einige versprengte französische Dragoner in jenes Dorf führten. Sie drangen ins Pfarrhaus und plünderten nicht nur mit vorgehaltener Waffe den Kirchenmann, sondern ließen auch das Kirchengerät aus Edelmetall und was ihnen sonst noch gefiel mitgehen. Wenig später rückten Kosaken an und schließlich drei Regimenter Franzosen unter Graf Bernadotte. Im Dorf blieb nichts, wie es war – es gab keine Zäune, kein lebendes Vieh mehr. „Den Pfarrer, der seinen Kellerschlüssel mit Löwenmut verteidigte, rettete erst der Kommandant aus der Hand seiner Bedränger, den Kellerschlüssel aber, der den Soldaten die Bierquelle eröffnete, musste er doch hergeben. Auch sein Pferd und seinen Schlitten nahmen sie ihm weg.“ Obwohl der Schreiber des Berichts polnischer Nationalität war, ist von einer Sympathie für die Franzosen, die doch als Befreier Polens auftraten, nichts zu spüren. Es überwiegt eindeutig die Einschätzung einer gewalttätigen, plündernden Soldateska, und dieses Urteil wird durch alle anderen vorliegenden Berichte über Westpreußen in jener Zeit bestätigt.

 Peter Letkemann