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Meine zahlreichen Fahrten in die Heimat habe ich bislang in den freundlichen Jahreszeiten unternommen, diesmal war es nun Ende November 2008, dass meine Frau und ich an die Nogat gereist sind. Ich folgte einer Einladung des Marienburger Schlossmuseums, im Kongreßzentrum des Karwans vor Denkmalpflegerinnen und Konservatoren aus Marienburg, Danzig, Thorn, Allenstein und Heilsberg einen Vortrag zu halten. Da es in der Tagung um die Ergebnisse der deutschen und polnischen Denkmalpflege besonders an den Wehranlagen der Marienburg während des 19. und 20. Jahrhunderts ging, untersuchte ich kritisch einige Gestaltungsformen des großen Baumeisters Conrad Steinbrecht, die er bis zum Ende des Ersten Weltkrieges der Marienburg hat angedeihen lassen.
Begegnungen
Dabei schälte sich als Ergebnis heraus, dass ihn die Denkweisen der wilhelminischen Epoche zum Ende des 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts sehr stark geprägt haben, und es lässt sich aus den Quellen erweisen, dass ihn sein Auftraggeber Kaiser Wilhelm II. mit vielen Vorgaben gedrängt hat. Auf diese Weise ist längst nicht alles ganz streng im historischen Sinne an der Burg so „wiederhergestellt“ worden, wie es die schriftlichen Quellen und die architektonischen sowie die archäologischen Forschungsergebnisse nahe gelegt hätten. Eine solche Beobachtung ruft natürlich eine lebhafte Diskussion hervor, wie sie denn auch im Anschluss an meinen Vortrag eingetreten ist.
Am nächsten Tag, dem 22. November, habe ich dem Bürgermeister Andrzej Rychlowski meine beiden Quellenbände zur Geschichte Marienburgs und der Werdergebiete aus dem Beginn des 18. Jahrhunderts übergeben. Es sind dies die geschichtlichen Darstellungen Abraham Hartwichs und Samuel Wilhelmis, von denen ich der Meinung bin, dass sie in diesen neuen Editionen von 2002 und 2006 in die Stadtbibliothek an der Nogat gehören. Quellen müssen dort eingesehen werden können, wo sie ihren Ursprung haben. In meinen Einführungsworten habe ich hervorgehoben, dass beide Autoren von großer regionaler Bedeutung seien, denen zu deutscher Zeit sogar Straßennamen gewidmet waren (Hartwichplatz und Wilhelmistraße). So könnte es doch beherzigenswert sein, solche Würdigungen aus der Geschichte auch für die Gegenwart nicht auszuschließen, zumal beide Autoren Untertanen der Krone Polens im damaligen Westpreußen gewesen seien.
Neues in der Stadt
Was tut sich in Marienburg? Die Stadt ist meines Erachtens baulich einem rasanten Veränderungsprozess unterworfen. Gelder aus der EU machen es möglich, ganze Quartiere neu zu planen und zu gestalten. Die Leitidee dabei scheint zu sein, in der Nähe des Schlosses, das ja längst eine touristische Faszination ersten Ranges ausstrahlt und große Mengen von Touristen anlockt, eine Kauf- und Serviceregion „vorzuhalten“, die den Stempel der Modernität trägt und den Reiz der Attraktivität dazu. Die Langgasse wird gegenwärtig zum künftigen Geschäftszentrum der Stadt ausgebaut, wobei die ehemalige Villa Flatauer mit der Stadtmarketing-Zentrale den schon heute erkennbaren Mittelpunkt bildet. Sie ist gegenüber der Zuckerfabrik kupiert und ohne jeden Durchgangsverkehr. Übrigens lag über der Stadt der von mir gut erinnerte Duft, der wie eh und je die laufende Zuckerkampagne signalisiert.
Auf dem Gelände des einstigen Hotels „König von Preußen“ ist ein überdimensionaler Verkehrskreisel entstanden, der wie ein großer Stern wirkt. Das „Capitol“-Kino abgerissen werden, der Welsche Garten ist zur Flaniermeile mit Baumgruppen, Sitzmöglichkeiten und nachts hell strahlenden Lampen der gehobenen Klasse geworden. Und in diesen Zusammenhang gehört das Projekt eines neuen Hotelkomplexes unmittelbar vor der Kulisse des Hochschlosses, auf dem Gelände dessen, was man bis vor kurzem „Russenmarkt“ genannt hat und wo zu deutscher Zeit die Straße Binnenwall und das Areal der Landwirtschaftsschule lagen. (Dort fand man bei Ausschachtungsarbeiten das Massengrab.)
Ein besonderes Glanzlicht in der Altstadt stellt die St. Johannes-Kirche dar. Sie ist fast nicht wiederzuerkennen, so toll ist sie restauriert worden: alle Dächer grüßen in einem neuen anheimelnden Rot, und die Außenmauern stehen sandstrahlgereinigt vor dem Betrachter. An der – der Mariensäule gegenüber liegenden – östlichen Außenfassade der Kirche ist ein gelber würfelförmiger Majolika-Fries eingelassen worden, der merkwürdig fremd wirkt, zumal man sich daran erinnert, dass früher hier ein zurückhaltendes Dunkelgrün vorhanden war. Und auch innen macht die Kirche einen strahlenden Eindruck. An hervorgehobenen Stellen wird an den Vorgänger Benedikts XVI., den polnischen Papst Johannes Paul II. erinnert. Dazu gehört auch, dass der Straßenname unter den ehemaligen Lauben verändert worden ist: hieß es dort bislang „Stare miasto“ („Altstadt“), so finden sich nunmehr Schilder mit der weißen Aufschrift: „Trakt Jana Pawla II“, was „Straße Johannes Pauls II.“ bedeutet.
Einen deutliche Fortschritt haben wir an der Baustelle des St. Jerusalemhospitals an der Straße nach Stuhm beobachtet. Etwa acht Arbeiter waren innen und außen beschäftigt. Die Außenmauern mit den deutlich erkennbaren originalen Maueranteilen aus der Ordens- und der Nachordenszeit machen ringsherum einen gut erneuerten Eindruck wie ebenso die beiden wertvollen Giebelseiten. Das Dach ist sichtbar saniert, die neuen Fenster sind alle vorhanden. Was leider noch aussteht, ist der Fugenverputz, der dem Bauwerk eine gesicherte Durchtrocknung gewähren würde. Innen fehlt noch sehr viel, auch die Treppe in das obere Stockwerk steht lediglich im Rohbau da, so dass wir ganz beherzt sein mussten, um die Besichtigung des Inneren unbeschadet durchführen zu können. Die Küche ist vollgepackt mit entsprechendem Mobiliar, das einer Aufstellung noch entgegensieht. Und auch der große Raum, in dem im Sommer anlässlich des Marienburg-Treffens 2008 die Einweihung des Hauses mit einer Feierstunde begangen werden konnte, entbehrt noch jeder Benutzbarkeit. Schade, habe ich so gedacht, hier könnte doch schon kulturelles Leben pulsieren, zumal es das deutliche Interesse eines kulturellen Trägervereins gibt, hier wirken zu können. Im noch nicht ausgebauten Obergeschoss sind offenbar einige Übernachtungsmöglichkeiten für Kulturschaffende vorgesehen, die aber auch noch keine deutlichen Formen angenommen haben. Wie schön aber, dass daran gearbeitet wurde und dadurch die Vorstellung deutsch-polnischer Gemeinsamkeiten Gestalt gewann!
Neues auf der Burg
Und was hat sich auf der Burg getan? Unser Freund Marek Dziedzic führte uns liebevoll zu ihren Glanzpunkten. Wir haben zum ersten Mal die wieder eingerichtete Firmarie besichtigt, also jene für jede Niederlassung des Deutschen Ordens so wichtige Versorgungsstation für alte und kranke Ordensangehörige. Sie liegt im Mittelschloss, gleich rechts, wenn man den Hof betreten hat. Die Räume machen einen wohnlichen Eindruck, der allerdings durch Inventar und Ausgestaltung den nachordenszeitlichen Phasen gerecht zu werden scheint. Im Erdgeschoss hat man einen Sakralraum mit Vorhalle geschaffen, der darauf hinweisen will, dass es im Deutschen Orden keine Krankenstation ohne eine Kapelle und seelsorgerliche Zuwendung zu den Betreuten gegeben hat. Ob diese Wiederherstellung den „echten“ historischen Baugegebenheiten entspricht, lässt sich wegen der vielen Umgestaltungen, die gerade dieser Flügel nach 1457 erfahren hat, nicht mit Bestimmtheit sagen. Schon Steinbrecht hat hier eher Neues geschaffen als lediglich das Alte konserviert.
Und dann war ich höchst gespannt auf Meisters Großen Remter, der ja Besuchern erst seit kurzem wieder zugänglich ist. In dessen Mauern walteten seit Jahrzehnten die Handwerker, weil dieser mächtige Saal gegen den Zusammenfall eine ganz neue Basis erhalten musste. Eine schwedische Firma hat in größter Präzisionsarbeit die Gründung dieses Bauabschnitts „auf neue Füße gestellt“, so dass seine Stabilität jetzt gesichert ist. Hier hatte sich bereits im Mittelalter ein deutlicher Riss durch die Nordwand gezeigt, der bis ins Ende des 20. Jahrhunderts nicht gefangen werden konnte. Diesen Riss haben die Konservatoren jetzt übrigens durch das wiederhergestellte Wandbild August Oetkens hindurch optisch sichtbar gemacht. Der Putz des Großen Remters ist absichtlich grau durchgefärbt, um dem Ganzen eine Alterspatina zu verleihen. An diesen Raumeindruck muss man sich zunächst ziemlich gewöhnen, zumal die bisherige Nachkriegsfarbgebung ein strahlendes Weiß aufgewiesen hatte. In den Fensterlaibungen sind – ich finde, sehr erstaunlicherweise – die Spendernamen derer wieder aufgetragen worden, die während der allerersten Restaurierungsphase zu Beginn des 19. Jahrhunderts seit 1815 Geld zur Wiederherstellung beigetragen hatten. Das war neben preußischen Adelsgeschlechtern auch eine Anzahl ost- und westpreußischer Städte, Landkreise und Institutionen, die sich in den Dienst der Errichtung der Burg als preußisch-deutsches Nationaldenkmal gestellt hatte.
Und dann ist im Hochmeisterpalast – eigentlich seit den Zeiten Bernhard Schmids zum ersten Mal – in einer sehr sehenswerten Gestaltung die Kapelle des Hochmeisters mit ihrem Vorraum zu besichtigen. Auch sie in dem altersgrau gehaltenen Putz – und deutlich als Sakralraum verstanden.
Allen künftigen Besuchern seien diese Neuerungen sehr ans Herz gelegt. Denn an zwei Stellen – nämlich in der Firmarie und in Meisters Hauskapelle – wird zum ersten Mal nach dem Kriege wieder nachvollziehbar, dass die Marienburg der Wohnplatz eines geistlichen Hospitalordens gewesen ist. Denn es wird die Besichtigung von sakralen Plätzen möglich, an denen die Mitglieder und Gebietiger des Ordens ihre Gebete verrichteten und an Gottesdiensten und Andachten teilnahmen. Im Gegensatz zu diesen beiden Sakralorten verharren die St. Marienkirche und die St. Annen-Hochmeistergrablege auf dem Hochschloss noch als Baustellen, ohne dass erkennbar würde, wie einmal deren Restaurierung aussehen könnte.
Ausklang
Meine Frau und ich haben diesen Besuch von Burg und Stadt nicht im touristischen Sinne unternommen, und wir haben es als ein Geschenk betrachtet, gerade bei etwas unwirtlicher Witterung die Straßen und Plätze, Gebäude und Beobachtungen in uns aufnehmen zu können. Es waren so gut wie keine Fremden da, und wir konnten wie Einheimische unauffällig das Gelände durchstreifen. Da erlebt man das Wesen der Dinge anders und ist mehr Teil der lokalen Wirklichkeit, als wenn man in der verfremdenden Überformung durch den Tourismus einhergeht. Und es kam beglückend hinzu, dass wir die Tage in einem intensiven Gedankenaustausch mit etlichen dortigen Menschen verbracht haben, die uns sehr ans Herz gewachsen sind.
Ein wahres Abschiedsgeschenk präsentierte uns das Wetter. Als wir am Sonntag, dem 23. November, bei Morgensonne mit der Eisenbahn nach Danzig zum Flughafen fuhren, lag die Marienburg zu unserer Linken wie unter Zuckerguss. Der Schnee hatte das gesamte Ensemble geradezu verzaubert. Die Sonne rief einen goldenen Schein auf den gepuderten Ziegelmassen hervor, die ich noch nie vorher so habe sehen können. Der Wintereinbruch machte die Märchenstimmung möglich, die sich uns unauslöschlich eingeprägt hat.
Rainer Zacharias
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